Jul 17, 2015 - Impulse    Kommentare deaktiviert für Was geschieht mit Menschen, die nie das Evangelium gehört haben?

Was geschieht mit Menschen, die nie das Evangelium gehört haben?

Erde

Die Frage, was mit Menschen in der Ewigkeit geschieht, die nie das Evangelium von Jesus Christus gehört haben, ist eine kniffelige Frage. Unser (Un-)Gerechtigkeitssinn schaltet sich ein und plötzlich überkommen uns eine große Anzahl an Fragen. Die Herold Schriftenmission betreibt einen Blog und übersetzte einen Artikel vom bekannten Bibellehrer R.C. Sproul zu genau dieser Frage.

Als Bibelschullehrer werde ich immer wieder mit den verschiedensten Fragen meiner Studenten konfrontiert. Eine der Fragen, die vermutlich am häufigsten gestellt wird, ist die Frage: „Was geschieht mit den unschuldigen Menschen in unerreichten Stämmen, die niemals etwas vom Evangelium gehört haben?“

Diese Frage ist zum einen ein Zeichen der tiefen Sorge um die Menschen, die in anderen, vom Christentum unbeeinflussten Teilen der Welt leben – Menschen, die leben und sterben, ohne jemals etwas von der wunderbaren Botschaft des Evangeliums gehört zu haben. Wie steht ein solcher Mensch vor Gott?

Aber warum wird diese Frage so häufig gestellt? Warum beschäftigt sie uns so sehr? Ich denke, ein Grund ist, dass wir durch unsere christliche Kultur so geprägt sind, dass wir eine gewisse Vorstellung von Gottes Liebe und Fürsorge haben. Dazu kommt das Wissen, dass die Errettung – also das ewige Leben – von der Person und dem Erlösungswerk Jesu Christi abhängt. Weil wir also davon überzeugt sind, dass Christus der einzige Retter ist, stellen wir uns zurecht die Frage, wie ein Mensch dann errettet werden kann, wenn er noch nie etwas von der Errettung durch Jesus Christus gehört hat. Wenn Gott ein Gott der Liebe ist, weshalb zerreißt Er dann nicht den Vorhang zum Himmel und sendet eine Botschaft auf die Erde, die von keinem missverstanden und überhört werden kann? Warum lässt Er zu, dass die „gute Botschaft“ der Erlösung in Christus auf Länder, Sprachen und Nationen begrenzt ist?

Diese Fragen sind durchaus ein Zeichen menschlicher Fürsorge. Denn Fürsorge zeigt sich am Interesse für andere Menschen – insbesondere für die Menschen, die in weniger privilegierten Umständen leben. Hierbei geht es aber nicht um Privilegien materieller Art oder ähnliches, sondern darum, dass wir ein Gefühl dafür haben, dass jeder von uns die Möglichkeit zur Errettung gezeigt bekommen sollte. Allerdings ist Gott ist seinem Handeln nicht von unseren Erwartungen, Gefühlen oder von unserer Sicht von Richtig und Falsch abhängig. Er ist daher auch nicht verpflichtet so zu handeln, wie wir es uns vorstellen. In unserem Fall bedeutet das, dass unser Gerechtigkeitssinn Gott nicht dazu zwingen wird, den Weg zur Errettung den Menschen in einer günstigeren Weise zugänglich zu machen.

Aber unabhängig von der Motivation müssen wir uns noch immer dieselbe Frage stellen: „Was geschieht mit den unschuldigen Menschen, die niemals etwas von Jesus Christus gehört haben?“ Wie wir diese Frage stellen entscheidet über die Antwort. Wenn wir nämlich fragen, „Was geschieht mit den unschuldigen Menschen, die niemals von Jesus gehört haben?“, setzen wir etwas Entscheidendes voraus und die Antwort darauf ist sehr einfach: Ein unschuldiger Mensch, der nie etwas von Christus gehört hat, ist in einer guten Position. Wir brauchen uns keine Sorgen um seine Errettung machen, weil ein unschuldiger Mensch keinen Retter benötigt. Er wird aufgrund seiner eigenen Unschuld gerettet.

Wenn wir also die Frage in dieser Weise formulieren, dann setzen wir voraus, dass es in dieser Welt unschuldige Menschen gibt. Wenn dem so wäre, müssten wir uns keine Sorgen um diese Menschen machen. Allerdings sagt die Bibel sehr deutlich, dass jeder Mensch vor Gott schuldig ist und keiner von sich aus zu Ihm kommen und mit Ihm versöhnt werden kann. Wir müssen die Frage also anders formulieren: „Was geschieht mit den schuldigen Menschen, die niemals etwas von dem Evangelium von Jesus Christus gehört haben?“

Häufig fließt die Formulierung der Unschuld der Menschen völlig unbemerkt in die Frage mit ein. Allerdings ist in den meisten Fällen damit keine vollkommene, sondern eher eine relative Unschuld gemeint. Dies kommt daher, dass wir miterleben, dass manche Menschen gottloser sind als andere. Und diese Gottlosigkeit erscheint uns noch schlimmer, wenn sie innerhalb eines privilegierten Rahmens auftaucht – wenn also eine Person viel über Gott und Seine Gebote weiß, ja sogar darin unterwiesen wurde, und dann ein gottloses Leben führt, dann ist deren Gottlosigkeit im Vergleich mit einem völlig unwissenden Menschen wesentlich verabscheuungswürdiger anzusehen.

In Bezug auf die Menschen, die niemals das Evangelium gehört haben, müssen wir die Frage stellen: „Wenn der unwissende Mensch vor Gott schuldig ist, worin liegt dann seine Schuld? Wird er von Gott dafür bestraft werden, dass er nicht an einen Christus glaubt, von dem er niemals etwas gehört hat?“ Nein, denn wenn das die Grundlage für Gottes Urteil wäre, dann wäre Gott wirklich nicht gerecht! Wir können sicher sein, dass Gott niemanden dafür bestrafen wird, dass er nicht auf eine Botschaft reagierte, die er niemals gehört hat.

Bevor wir allerdings erleichtert aufatmen sollte uns bewusst sein, dass das Problem noch lange nicht gelöst ist. Es haben schon einige an dieser Stelle aufgehört nachzudenken und sich mit dieser Feststellung als Antwort auf ihre Frage zufrieden gegeben. Sie glauben, dass die Sünde des Menschen allein in der Ablehnung Christi liege, und da die Unerreichten Christus ja nicht kennen, können sie Ihn auch nicht ablehnen. Tatsächlich wäre es in diesem Fall das Beste, sie in ihrer Unwissenheit zu lassen. Denn sobald wir zu den Unerreichten gingen, um ihnen das Evangelium zu predigen, würden sie vor der Verantwortung stehen, auf die Botschaft zu reagieren. Sollten sie die Botschaft ablehnen, wären sie nicht länger unschuldig. Also sollten wir besser ruhig bleiben.

Doch was ist, wenn sich diese Denkweise als falsch herausstellt? Was ist, wenn Gottes Verdammungsurteil gegen die Menschheit sich auf ein anderes Vergehen bezieht? Was ist, wenn derjenige, der niemals etwas von Christus gehört hat, Gott den Vater kennt und Ihn ablehnt? Ist etwa die Ablehnung Christi schlimmer als die Ablehnung Gott des Vaters? Ganz sicher nicht!

Was geschieht mit den Menschen, die Gott kennen?

Genau an diesem Punkt spricht das Neue Testament von der universellen Schuldigkeit der Menschen. Es spricht davon, dass Christus in eine Welt gekommen ist, die Gott bereits kannte, Ihn aber abgelehnt hatte! Christus sagte:

„Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken … Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mt 9,12-13).

Die deutlichste Antwort der Bibel über die Frage, was mit den Menschen geschieht, die niemals etwas von Christus gehört haben, finden wir in Römer 1. Dieser Abschnitt beginnt mit einer erstaunlichen Aussage über Gottes Zorn:

„Offenbart wird nämlich Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten“ (Röm 1,18).

Bemerken wir, dass Gottes Zorn nicht gegen die Unwissenheit oder Ahnungslosigkeit der Menschen gerichtet ist, sondern gegen ihre Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Beide Worte Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit sind Oberbegriffe, die eine allgemeine Verhaltensweise beschreiben. Doch was genau ist es, das Gottes Zorn heraufbeschwört? Die Antwort ist klar: Das Niederhalten oder Unterdrücken der Wahrheit! Welche Wahrheit wird niedergehalten? Die folgenden Verse beantworten diese Frage:

„Dabei ist doch das, was man von Gott erkennen kann, für sie deutlich sichtbar; er selbst hat es ihnen vor Augen gestellt. Seit der Erschaffung der Welt sind seine Werke ein sichtbarer Hinweis auf ihn, den unsichtbaren Gott, auf seine ewige Macht und sein göttliches Wesen. Die Menschen haben also keine Entschuldigung, denn trotz allem, was sie über Gott wussten, erwiesen sie ihm nicht die Ehre, die ihm zukommt, und blieben ihm den Dank schuldig. Sie verloren sich in sinnlosen Gedankengängen, und in ihren Herzen, denen jede Einsicht fehlte, wurde es finster“ (Röm 1,19-21).

Was der Apostel Paulus hier beschreibt, bezeichnen Theologen als „allgemeine Offenbarung“. Den Grund für diese Bezeichnung finden wir im Text selbst: Zum einen ist diese Offenbarung allgemein, weil ihr Inhalt uns etwas Allgemeines über Gott sagt:

  • Gott zeigt sich hier als der „unsichtbare Gott“,
  • Er offenbart seine „ewige Macht und sein göttliches Wesen“.

Zum anderen richtet sich die allgemeine Offenbarung an eine allgemeine Zielgruppe. Gott offenbart sich hier nicht nur einer kleinen auserwählten Gruppe, sondern allen Menschen.

Was sagt uns dieser Text noch über die allgemeine Offenbarung?

Erstens sehen wir, dass sie klar und unmissverständlich ist: „Dabei ist doch das, was man von Gott erkennen kann, für sie deutlich sichtbar …“ Gott hat den Menschen genug offenbart, dass sie in der Lage wären, Ihn erkennen zu können.

Zweitens sehen wir, dass Gottes Offenbarung ihr Ziel erreicht. Er offenbart sich uns nicht bloß auf eine vage, ungenaue Weise, sondern wir lesen: „trotz allem, was sie über Gott wussten …“ Das Problem der Menschen liegt also nicht darin, dass sie nichts über Gott wissen, sondern dass sie Ihn trotz allem, was sie wissen, ablehnen.

Drittens lesen wir, dass diese Offenbarung schon seit Erschaffung der Welt sichtbar ist. Sie beruht nicht auf einem einmaligen Ereignis, sondern ist ständig, dauerhaft sichtbar und erfahrbar.

Viertens lernen wir daraus, dass Gott sich durch die Schöpfung offenbart. Gottes unsichtbares Wesen ist durch „seine Werke“ sichtbar. Die gesamte Schöpfung ist eine herrliche Darstellung von der Existenz und Macht ihres Schöpfers.

Fünftens ist die Schöpfung völlig ausreichend, um dem Menschen jede Ausrede und Entschuldigung zu nehmen. „Die Menschen haben also keine Entschuldigung.“ An welche Entschuldigung hatte Paulus hier wohl gedacht? Welchen Vorwand hätte der Mensch für seinen Ungehorsam gegen Gott vorbringen können? Ganz klar den, dass er aufgrund seiner Unwissenheit unschuldig sei! Wenn Paulus an dieser Stelle mit seiner Darstellung der allgemeinen Offenbarung Recht hat, dann wird niemand von uns jemals zu Gott sagen können: „Es tut mir leid, dass ich dir nicht die nötige Ehre und den Dank entgegengebracht habe, den du verdienst, aber ich hatte keine Ahnung, dass es dich gibt! Wenn ich es nur gewusst hätte, dann wäre ich dir ganz sicher gehorsam gewesen. Ich war kein überzeugter Atheist, sondern nur ein Agnostiker. Hättest du mir doch nur deutlicher vor Augen geführt, dass es dich gibt …“ Wenn Gott sich aber, wie Sein Wort sagt, allen Menschen „deutlich sichtbar“ gezeigt hat, dann bleibt für niemanden eine Entschuldigung.

Unwissenheit mag tatsächlich in manchen Dingen und unter manchen Umständen als Entschuldigung gelten. Die römisch-katholische Kirche begann in der Entwicklung ihrer Moraltheologie irgendwann zwischen überwindbarer und unüberwindbarer Unwissenheit zu unterscheiden. Überwindbare Unwissenheit könne von dem Menschen selbst erkannt und überwunden werden und wäre daher nicht zu entschuldigen, während unüberwindbare Unwissenheit, die vom Menschen nicht erkannt und daher auch nicht überwunden werden könne, durchaus zu entschuldigen sei.

Nehmen wir an, ein Mann würde mit dem Auto von Texas nach Kalifornien fahren. Als er in San Francisco ankommt, überfährt er eine rote Ampel, woraufhin er von einem Polizisten angehalten wird, der ihm einen Strafzettel verpasst. Der Autofahrer protestiert und sagt: „Ich wusste nicht, dass es in Kalifornien verboten ist über rote Ampeln zu fahren, ich komme aus Texas.“ Würde ihn dieser Vorwand vor einer Strafe bewahren? Vermutlich nicht. Jeder, der mit seinem Auto in ein anderes Land oder einen anderen Staat fährt, ist dafür verantwortlich, sich im Voraus über die dortigen Verkehrsgesetze zu erkundigen. Schließlich werden staatliche Gesetze nicht in irgendwelchen geheimen Tresors verschlossen, sondern jeder hat die Möglichkeit, sich über sie zu informieren. Die Unwissenheit des Autofahrers wäre also eine überwindbare Unwissenheit gewesen, weshalb sein Fehlverhalten nicht zu entschuldigen ist.

Stellen wir uns aber vor, die Stadt San Francisco benötigte dringend Geld und würde daher im Geheimen entscheiden, dass ab sofort jeder Autofahrer bei einer grünen Ampel halten und bei Rot fahren müsse. Bei Zuwiderhandlungen müssten die Autofahrer eine Strafe von 100 Dollar zahlen. Der Haken dabei ist, dass man die Bevölkerung über dieses neue Gesetz nicht informieren würde. Wenn also nun ein Autofahrer die grüne Ampel überfährt und von einem Polizisten bestraft wird, dann könnte dieser sich zu Recht auf seine Unwissenheit berufen, denn die war in diesem Fall unüberwindbar, was sein Verhalten entschuldigt.

Ein Mensch, der noch nie von Jesus Christus gehört hat, kann diesbezüglich zwar als unwissend entschuldigt werden, doch in Bezug auf Gott den Vater hat er keine Entschuldigung vorzubringen.

„Aber was ist mit den religiösen Menschen, die in den unerreichten Gebieten der Welt? Wird Gott ihre religiösen Bemühungen nicht anerkennen und sie vor Seinem Zorn bewahren? Ist der Mensch nicht generell ein religiöses Wesen? Diese Menschen mögen vielleicht nicht ausreichend über Gott informiert sein, um Ihn in der richtigen Weise zu verehren – so tun sie dies zum Beispiel durch die Anbetung von Götzenbildern, Kühen oder Bäumen – aber wenigstens versuchen sie ihr bestes. Schließlich können sie es ja aufgrund ihrer Herkunft und ihres kulturellen Hintergrundes nicht besser wissen. Sollte Gott etwa Unmögliches von ihnen erwarten?“ Dies sind häufig die Argumente, die an dieser Stelle angeführt werden.

Und gerade das ist der Punkt, an dem Paulus seine Ausführung der allgemeinen Offenbarung fortsetzt:

„Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das dem vergänglichen Menschen, den Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren gleicht. Darum hat sie Gott auch dahingegeben in die Begierden ihrer Herzen, zur Unreinheit, so dass sie ihre eigenen Leiber untereinander entehren, sie, welche die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschten und dem Geschöpf Ehre und Gottesdienst erwiesen anstatt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen!“ (Röm 1,22-25).

Paulus geht hier sehr deutlich auf die heidnischen Religionen ein, und er stellt sie als eine Verdrehung der Wahrheit dar. Der wahre Gott wurde sozusagen gegen die Lüge „vertauscht“ und die Herrlichkeit Gottes durch das vergängliche Bild des Geschöpfs ersetzt. Wer also etwas Geschaffenes als Gott verehrt, der beleidigt die Ehre und Herrlichkeit des lebendigen Gottes. Wenn Gott den Menschen Seine Herrlichkeit offenbart, und diese Seine Herrlichkeit durch etwas anderes ersetzen, dann kann ihr „Gottesdienst“ Gott nicht gefallen – im Gegenteil, sie ziehen damit Gottes Zorn auf sich!

Wie beurteilt Gott andere Religionen?

Das Neue Testament stellt sehr deutlich klar, dass jeder Mensch entsprechend seiner Erkenntnis von Gott beurteilt wird. So wissen die Menschen in den unerreichten Gebieten der Erde zwar nichts vom Alten Testament, doch die Bibel sagt, „dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert“ (Röm 2,15). Sie werden also durch das Gesetz verurteilt, dass sie zwar nicht kennen, dessen Einhaltung sie aber selbst fordern. Die traurige Wahrheit über uns Menschen ist: Keiner von uns hält sich an die Regeln von Anstand und Moral – auch dann nicht, wenn wir sie selbst aufgestellt haben!

Vor einigen Jahren kam ein junger Student zu mir in die Seelsorge. Er tat dies sehr widerwillig, denn seine Mutter hatte ihn zu mir geschickt. Die Mutter war eine eifrige Christin, die alles versuchte, um ihren Sohn vom christlichen Glauben zu überzeugen. Der Sohn war ihrem Vorhaben gegenüber völlig abgeneigt und setzte alles daran, sein Leben so zu gestalten, dass es im völligen Gegensatz zu den Werten und Erwartungen seiner Eltern stand. Im Gespräch mit mir sagte er, dass jeder Mensch das Recht hätte nach seiner eigenen ethischen Vorstellung zu leben. Er glaubte an eine Moral, in der jeder tun könne, was er wolle, und beschwerte sich darüber, dass seine Mutter kein Recht hätte, ihm ihren Glauben „aufzudrücken“.

Ich fragte ihn, was er an der Vorgehensweise seiner Mutter auszusetzen habe, denn schließlich befolge sie ja nur seine Vorstellung von Ethik, in der jeder tun und lassen könne, was er will. Sie könne also demnach sehr wohl versuchen, ihm ihren Glauben „aufzudrücken“. Dann machte ich ihn darauf aufmerksam, dass seine Mutter andererseits auch nur ihrer eigenen christlichen Ethik folgen würde, weil sie sich um das Wohl ihres Sohnes kümmere. In diesem Gespräch erkannte der Sohn, dass seine Vorstellung nur so lange funktioniere, bis sie mit der Vorstellung eines anderen kollidiert. Er forderte für sich selbst eine Freiheit, die er anderen nicht erlaubte. Und gerade hier ist ein wichtiger Kernpunkt unseres Wesens: Sobald wir uns über das Verhalten anderer Menschen ärgern, wird deutlich, was unsere Vorstellung von Anstand und Ethik ist.

Jeder Heide auf dieser Welt besitzt eine Vorstellung von Richtig und Falsch, doch keiner von uns hält sich daran. Daher sind wir alle vor Gott schuldig und stehen unter seinem Gerichtsurteil. Die Ureinwohner vieler Völker werden so häufig idealisiert, indem man sie als unverdorben und von der schrecklichen Zivilisation unbeeinflusst darstellt. Dies hat aber mit der Realität nichts zu tun! Wenn ein Mensch fern von der Zivilisation lebt und stirbt, ohne jemals etwas von Christus zu erfahren, dann wird Gott ihn nicht dafür bestrafen, dass er niemals etwas von Christus gehört hat, sondern weil er eine Ahnung von Gott, dem Vater, hatte und weil er das Gesetz nicht befolgte, das ihm ins Herz geschrieben war. Wir müssen uns auch hier wieder bewusst machen, dass Gott die Menschen nicht für das verurteilt, was sie nicht gehört haben, sondern für das, was sie gehört haben.

Wenn alle Menschen über Gott Bescheid wissen und Ihn doch von Natur aus ablehnen, dann folgt, dass alle Menschen die Errettung brauchen, die Gott in Christus anbietet. Jesus nicht zu kennen heißt, in großer Gefahr zu sein, weil man die allgemeine Offenbarung Gottes ablehnt. Aber etwas von Jesus zu hören und Ihn dennoch abzulehnen bedeutet eine noch größere Gefahr, weil man nicht nur den Vater, sondern auch den Sohn ablehnt, den der Vater als Retter gesandt hat. So wird das Evangelium also jedes Mal wenn es gepredigt wird, für die, die daran glauben zur herrlichen Rettung und für die, die es ablehnen zur Verdammnis und zum Tod (vgl. 2Kor 2,16).

Wie können die Unerreichten Gottes Botschaft hören?

Wie kann einer Person, die niemals etwas von dem Evangelium von Jesus Christus gehört hat, geholfen werden, dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommt? Die Antwort, die Paulus uns auf diese Frage gibt, ist sehr einfach:

„Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne einen Verkündiger? Wie sollen sie aber verkündigen, wenn sie nicht ausgesandt werden? Wie geschrieben steht: ‚Wie lieblich sind die Füße derer, die Frieden verkündigen, die Gutes verkündigen!‘“ (Röm 10,14-15).

An dieser Stelle wiederholt Paulus, wie wichtig der Missionsauftrag der Gemeinde ist. Mission (der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „senden“) beginnt mit der Liebe Gottes zur verlorenen Welt. Weil Gott die Welt so sehr liebt, hat Er seinen Sohn in die Welt gesandt, um diejenigen zu erretten, die Ihn, den Vater, ablehnten. Jesus Christus kam im Auftrag des Vaters, vollbrachte das Erlösungswerk und sandte dann Seine Gemeinde mit dem Auftrag, der ganzen Welt die Botschaft dieser Erlösung zu verkünden. Dies ist die Grundlage für die Weltmission der Gemeinde Jesu. Alle sollen Gottes Botschaft hören, in jedem Land, jeder Nation, jedem Stamm und jeder Sprache. Wenn die Gemeinde diesen Auftrag ausführen würde, dann müssten wir uns nicht die Frage stellen, was mit jenen Menschen geschieht, die niemals etwas von Jesus Christus gehört haben.

Nachdem wir uns mit dieser Frage auseinandergesetzt haben, müssen wir uns zwangsläufig einer weiteren Frage stellen: „Was geschieht mit mir, wenn ich nichts zur Erfüllung des Missionsbefehls beitrage?“ Wenn ein Christ sich dieser Frage ernsthaft stellt, dann wird er auch zu einer ernsten Antwort kommen. Seine Sorge um die Unerreichten in dieser Welt muss bei einem Christen von echtem Mitgefühl begleitet sein, und dieses Mitgefühl sollte sich praktisch äußern.

Es reicht nicht aus, einfach nur eine Antwort auf die Frage zu finden, ob ein Mensch, der niemals von Christus gehört hat, tatsächlich verloren ist – wir müssen handeln! Und die Motivation unseres Handelns sollte in erster Linie der Gehorsam gegenüber Christus und Seinem Missionsbefehl sein. Jeder einzelne Mensch benötigt Christus als Retter, und es ist die Pflicht der Gemeinde, dieser Not zu begegnen.

Zur Erinnerung

  1. Jeder Mensch hat eine Ahnung von Gott, dem Vater (vgl. Röm 1,18 ff.). Das Problem des Unerreichten, der niemals das Evangelium gehört hat, ist das allgemeine Problem der gefallenen Menschheit. Wir müssen deutlich machen, dass Gott sich jedem Menschen zu erkennen gegeben hat. Jeder von uns kann wissen, dass es einen Gott gibt. Daher ist niemand, der Gott ablehnt, zu entschuldigen.
  2. Jeder Mensch verdreht und verwirft von Natur aus das Wissen über Gott. Da alle Menschen etwas von Gott wissen, dieses Wissen aber verdrehen und ablehnen, sind sie schuldig vor Gott.
  3. Es gibt keine unschuldigen Menschen in dieser Welt. Menschen, die leben und sterben, ohne jemals das Evangelium gehört zu haben, werden im Lichte dessen verurteilt, was sie wussten. Ihre Schuld ist, dass sie Gott, den Vater, abgelehnt haben. Ganz sicher wird Gott niemals einen unschuldigen Menschen verdammen.
  4. Gott verurteilt den Menschen nach dessen Erkenntnis. Der Götzendienst heidnischer Religionen ist ein Angriff gegen Gottes Herrlichkeit (vgl. Jes 42,8). Durch die Vielzahl der Religionen wird deutlich, dass der Mensch eine Ahnung von Gott hat – doch sie sind kein Anzeichen dafür, dass der Mensch den wahren Gott sucht, sondern dafür, dass er vor dem wahren Gott flieht.
  5. Das Evangelium ist Gottes Erlösungsgeschenk an eine verlorene Menschheit. Gott hat Seinen Sohn, Jesus Christus, gesandt, um Sünder von ihrer Schuld, ihrer Gottlosigkeit und ihrer Verlorenheit zu erretten. Wenn ein Mensch Christus ablehnt, dann trifft ihn die doppelte Schuld, da er sowohl Gott, den Vater, als auch Seinen Sohn zurückweist (vgl. Kol 1,13-17).
  6. Der Verlorene benötigt Jesus Christus, den einzigen Weg, um mit Gott, dem Vater, versöhnt zu werden. Jesus sprach selbst immer wieder davon, dass jeder verloren geht, der nicht an Ihn glaubt.
  7. Christus hat die Gemeinde dazu beauftragt, der ganzen Menschheit die Botschaft des Evangeliums zu verkünden (vgl. Mk 16,15).
  8. Wer Christus verwirft, steht unter Gottes doppeltem Gerichtsurteil (vgl. 2Tim 4,1).
  9. „Religion“ kann keinen Menschen retten. Allein Christus ist der Weg zu Gott, und nur der Glaube an Ihn kann uns retten!

© R. C. Sproul, ligonier.org/tabletalk
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

Bildquelle: WikiImages

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