Nov 1, 2012 - Allgemein    1 Kommentar

Gutes und Böses erkennen — was ist daran schon schlecht?

Dieser Beitrag ist Teil der Blog-Serie „Widersprüche in der Bibel“. Am Ende des Artikels findest du eine Linkliste, die dich zu weiteren veröffentlichten Beiträgen dieser Serie leitet.

Abgebissener Apfel

der Wi-der­-spruch (Wortart: Substantiv, maskulin)das Sichwidersprechen, Sichausschließen; fehlende Übereinstimmung zweier oder mehrerer Aussagen, Erscheinungen o. Ä.
Duden online

Bibelpassage

1Mo 3,4) „Sterben?“, widersprach die Schlange, „sterben werdet ihr nicht. 5) Aber Gott weiß genau, dass euch die Augen aufgehen, wenn ihr davon esst. Ihr werdet erkennen, was Gut und Böse ist, und werdet sein wie Gott.“ 6) Als die Frau nun sah, wie gut von dem Baum zu essen wäre, was für eine Augenweide er war und wie viel Einsicht er versprach, da nahm sie eine Frucht und aß. Sie gab auch ihrem Mann davon, der neben ihr stand. Auch er aß. 7) Da gingen beiden die Augen auf. Sie merkten auf einmal, dass sie nackt waren. Deshalb machten sie sich Lendenschurze aus zusammengehefteten Feigenblättern.


Handelt es sich bei der Paradieserzählung aus 1Mo 3 tatsächlich um den sogenannten Sündenfall, begann also mit anderen Worten hier die Unheilsgeschichte der Menschheit, als sie das erste Mal Gottes Gebot übertraten? Oder sind die obigen biblischen Aussagen ganz anders zu verstehen? Handelt es sich vielleicht doch um eine gottgegebene Notwendigkeit der Weiterentwicklung und Emanzipation des Menschen? Hierzu werden nun verschiedene Aussagen der obigen Bibelpassage näher beleuchtet. Zu Beginn bekommen die Kritiker das Wort. Erst im Anschluss möchte ich meinen Lösungsvorschlag darstellen.

Als Ausgangspunkt der kritischen Infragestellung von 1Mo 3, dienen diesem Artikel Veröffentlichungen von Rainer Albertz und Thomas Krüger (Literaturhinweise siehe unten).

… euch gehen die Augen auf!

Das Erlebnis der sich öffnenden Augen ist an allen anderen Stellen im Alten Testament positiv beschrieben. Es ist ein Zeichen der Wachheit oder der Lebendigkeit des Menschen. Meist öffnet Gott die menschlichen Augen und bewirkt somit Einsicht. So kommt Rainer Albertz zu folgendem Schluss:

Es geht um die richtige Einschätzung einer Situation nicht um die bloße Wahrnehmung, … um ein neues bzw. anderes Verstehen dessen, was in den Blick … kommt. Sollte das so schlecht sein?

… ihr werdet erkennen, was Gut und Böse ist!

Ein Erkennen von Gut und Böse beschreibt letztlich das Urteilsvermögen, welches das Förderliche vom Schädlichen zu scheiden und differenzieren weiß. Es handelt sich um einen Prozess, der das Ziel in sich trägt einen Menschen zu einem mündigen und autonomen Erwachsenen heranreifen zu lassen. Als Beispiel dient Albertz u. a. 1Kön 3,9. Der König Salomo bittet Gott um die Befähigung Gutes und Böses zu unterscheiden. Gott würdigt den König sogar für seine Bitte. Albertz erklärt, dass dieses Verhalten von Salomo im Begriff der Weisheit zusammenzufassen ist. Weisheit ist etwas, was im Alten Testament meistens positiv bewertet wird. Wiederholt schlussfolgert Albertz:

Wenn Erkenntnis von Gut und Böse nichts anderes als praktizierte Weisheit ist, dann stellt sich verschärft die Frage, was daran so schlecht sein soll.

Das Erlangen von Einsicht und Erkenntnis verhält sich laut Albertz synonym zum vorherigen Abschnitt von der Erkenntnis von Gut und Böse. Die intellektuelle Reife wird nun durch die erfolgreiche Umsetzung der gewonnen Einsicht ergänzt. Die praktische Relevanz der Weisheit wird mit diesen Worten noch deutlicher.

Laut Albertz passen die oben aufgeführten positiven Begriffsbedeutungen trotz Übertretung eines Gottesgebots gut in die Paradieserzählung. Die Weisheitsbefähigung ist eine elementare menschliche Befähigung zur mündigen Lebensführung. Das Essen der Frucht des Baumes der Erkenntnis verhilft Adam und Eva zu einer besseren Einschätzung ihrer gegenwärtigen Situation.

… ihr werdet sein wie Gott!

Auch die Wendung „ihr werdet sein wie Gott“ ist für Albertz eine durchaus positiv zu verstehende Wendung. Für eine gottähnliche Stellung einzelner Menschen zitiert er beispielhaft:

  • 2Mo 4,16) „Du, Mose, aber sollst ihm Gott sein.“
  • 2Mo 7,1) „Siehe, ich mache dich, Mose, zum Gott für Pharao.“
  • Sach 12,8) „Und das Haus Davids wird wie Gott sein an ihrer Spitze.“

Er fasst zusammen:

Dann kann aber auch eine solche ‚Vergöttlichung‘ des Menschen so schlecht nicht sein.

Der fehlende Sünde-Begriff

Thomas Krüger führt gemeinsam mit Albertz zudem ins Feld, dass die Vokabel „Sünde“ an keiner Stelle in der Paradieserzählung (1Mo 1-3) vorkomme und uns somit keinen Hinweis auf einen Sündenfall gebe. Die angedrohte Strafe Gottes wird nicht vollzogen, denn Gott reagiert nicht mit glühendem Zorn. Die Übertretung des Gottesgebots wird mit keinem der vielen hebräischen Worte für Sünde belegt. Weil „Sünde“ erst ab dem vierten Kapitel vorkomme, sei demnach erst durch Kain die Sünde in die Welt gekommen. Krüger erklärt, dass Gott Kain davor warnt, „nicht recht zu handeln“, ansonsten würde aus diesem falschen Handeln Sünde resultieren.

Lösungsvorschlag

Ich glaube, dass die obigen Verse aus 1Mo 3 keinen Widerspruch zum Rest der Bibel provozieren, wenn man sie in der gewohnten Art und Weise versteht und auslegt.

Salomo bittet in 1Kö 3,9 seinen Gott um Unterscheidungskraft zwischen Gut und Böse. Hier sieht Albertz eine direkte Parallele zu der Paradieserzählung, die sogar positiv im Alten Testament bewertet wird. Völlig unverständlich ist es für mich, dass er jedoch gar nicht darauf eingeht, dass es einen elementaren Unterschied zwischen den Vorgängen in 1Mo 3 und 1Kö 3 gibt. In späteren Kapiteln des ersten Königebuches erfahren wir, dass Gott selbst die Quelle und der Geber der Weisheit Salomos ist (1Kö 5,9 und 1Kö 10,24). 1Mo 2,16-17 setzt dagegen ein Verbot der eigenwilligen Weisheitsaneignung durch das unerlaubte Nehmen der Frucht voraus! Diese grundlegenden Voraussetzungen der beiden Erzählungen übergeht Albertz völlig. Auch wird mit keinem Ton erwähnt, dass dem Menschen durch Gott die Augen geöffnet wurden. An dieser Stelle scheint es, dass Albertz mehr in diese Passage hineininterpretieren möchte, als sie einfach ordentlich auszulegen.

Auch, wenn Albertz erneut die Bibel für die „Vergöttlichung“ des Menschen heranzieht, übersieht er jedoch wieder das entscheidende Merkmal. Die gottähnliche Stellung von Mose und dem Hause Davids geschieht aufgrund eines Entschlusses Gottes. Und das ist doch etwas völlig anderes als in 1Mo 3. Dort bietet die Schlange dem Menschen diese Wesensveränderung an. Dies ist Grund genug für Gott kurzerhand die Schlange in 1Mo 3,14 zu verfluchen. Das hat Gott bekannterweise mit Mose und David nicht gemacht!

Eine Versetzung der ersten Sünde der Menschen in die Zeit von Kain und Abel (1Mo 4) bleibt für mich schleierhaft. Auch wenn in der Paradieserzählung das Wort „Sünde“ nicht fällt, sind doch die Parallelen zum ungehorsamen Handeln von Adam und Eva nicht zu übersehen! Wenn laut Albertz Sünde aus einem nicht rechten Handeln resultiert, dann frage ich mich, was Adam und Eva denn taten, als sie entgegengesetzt der göttlichen Warnung ebenfalls nicht recht handelten? Die Antwort liegt auf der Hand und bedarf m. E. keiner weiteren Erläuterung.

Zu bedauern ist, dass in den wissenschaftlichen Beiträgen viel gesagt bzw. geschrieben wurde, ohne dabei einen ausführlichen Ausblick in das Neue Testament zu wagen. Auch wenn Albertz und Krüger hier und da neutestamentliche Parallelen als Untermauerung der eigenen Beweisführung dienen, wird das biblische Zeugnis vom Sündenfall in 1Mo 3 völlig übergangen (Röm 5,13; 2Kor 11,3f; 1Tim 2,13f).

Jesus ist nicht umsonst gestorben (und auferstanden)!

Röm 5,15) Dabei ist allerdings zu beachten, dass Adams Verfehlung und die Gnade, die uns in Christus geschenkt ist, nicht zu vergleichen sind. Denn wenn die Verfehlung eines Einzigen den Tod über die Vielen brachte, wird das durch Gottes Gnade weit mehr als aufgewogen – so reich sind die Vielen durch die Gnade eines einzigen Menschen, Jesus Christus, beschenkt worden.

Soli Deo Gloria,
wju

Bildquelle: SadMonkey Design

Literaturhinweise

  1. ALBERTZ, RAINER: „Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen 3,5), in: F. Crüsemann/C. Harmeier/R. Kessler (Hg.), Was ist der Mensch…? (FS H. W. Wolff zum 80. Geburtstag), München 1992, 11-27.
  2. KRÜGER, THOMAS: Sündenfall? Überlegungen zur theologischen Bedeutung der Paradiesgeschichte, in: Ders.: Das menschliche Herz und die Weisung Gottes. Studien zur alttestamentlichen Anthropologie und Ethik (AThANT 96), Zürich 2009, 33-46.

Bisher erschienene Artikel in dieser Blog-Serie:

Part 1: Antworten — ja oder nein?
Part 2: „Gutes und Böses erkennen“ – was ist daran schon schlecht?

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