Sep 6, 2016 - Impulse    Kommentare deaktiviert für Ehebund, Scheidung und Wiederheirat (3)

Ehebund, Scheidung und Wiederheirat (3)

In einem ersten Beitrag dieser Serie wurden die Grundlagen des biblischen Verständnisses des Ehebundes betrachtet. In einem zweiten Beitrag erörterte ich, ob die Ehe als eine von Gott verordnete Vereinigung zwischen Mann und Frau von Menschen getrennt bzw. geschieden werden kann und darf. In einem letzten Artikel widmen wir uns vielleicht der interessantesten Frage: Ist es legitim als geschiedener Christ eine neue Eheverbindung einzugehen?

Wiederheirat

Eine Wiederheirat als biblisch legitimierte Möglichkeit zu erachten, ergibt sich aus dem Verständnis, ob eine Ehe in den Augen Gottes tatsächlich und endgültig geschieden werden kann, sodass eine weitere Eheschließung die erste Ehe nicht mehr bricht. Die Scheidung wird ja gerade deshalb vonseiten Jesu durch die Ausnahmeklausel gebilligt, weil der Ehebund faktisch zerstört bzw. aufgelöst werden kann. Jesus würde keine Notordnung akzeptieren, indem der betrogene Partner berechtigt ist, den durch πορνεία zerstörten Ehebund rechtlich aufzulösen, wenn das Ehepaar vor Gott insgeheim doch noch „ein Fleisch“ wäre. Würde trotz πορνεία der Ehebund dennoch vor Gott bis in alle Ewigkeit bestehen, dann dürfte Jesus für eine konsistente Argumentationskette im Matthäusevangelium keinen legitimen Scheidungsgrund nennen. Darum ist die vieldiskutierte Ausnahmeklausel m.E. nur dann (inhaltlich und grammatikalisch) verständlich, wenn sich die Einschränkung aufgrund von πορνεία nicht bloß auf die Scheidung, sondern ebenfalls auf eine mögliche Wiederheirat bezieht. Würde man nämlich den Aspekt der Wiederheirat entnehmen, würde die Aussage Jesu keinen Sinn ergeben.

  • Jesus sagt in Mt 19,9:
    „Wer immer seine Frau entlässt, außer wegen Hurerei,
    und eine andere heiratet, begeht Ehebruch.“
  • Jesus sagt nicht:
    „Wer immer seine Frau entlässt, außer wegen Hurerei,
    begeht Ehebruch.“

Geschiedene können nicht automatisch als Ehebrecher betrachtet werden. Erst der punktuell-außereheliche vollzogene Geschlechtsverkehr bricht die Ehe. Diese Passage belegt, dass niemand lediglich aufgrund einer Scheidung des Ehebruchs zu beschuldigen ist, weswegen die Wiederheirat als logische Konsequenz bei der Ausnahmeklausel mitgedacht werden muss. Ja, Geschiedene machen sich prinzipiell bei einer Wiederheirat des Ehebruchs schuldig, außer [sic!] die Scheidung erfolgte aufgrund von πορνεία. D.A. Carson beschreibt diesen Sachverhalt folgendermaßen:

„[…] if the remarriage clause is excluded, the thought becomes nonsensical: ‘Anyone who divorces his wife, except for porneia, commits adultery’―surely untrue unless he remarries. The except clause must therefore be understood to govern the entire protasis. We may paraphrase as follows: ‘Anyone who divorces his wife and marries another woman commits adultery―though this principle does not hold in the case of porneia.’”

Wurde demnach ein geschiedener Partner in der Ehe betrogen, liegt bei erneuter Heirat des Betrogenen kein Ehebruch vor,

„denn seine vorige Ehe war vor Gott geschieden. Es ist dasselbe, wie wenn seine vorige Frau wegen Geschlechtsverkehr mit einem anderen gesteinigt worden (vgl. 3. Mose 20,10) und somit tot wäre. Die im mosaischen Gesetz im Fall von Ehebruch gebotene Steinigung war in Israel zur Zeit Jesu wegen der Abhängigkeit von der Gesetzgebung der Römer in der Praxis nicht möglich.“ (Herbert Jantzen)

In 1Kor 7,10f schildert der Apostel Paulus eine Situation geschiedener Christen, bei der jene zwar als „unverheiratet“ bezeichnet werden, aber keine Freiheit zur Wiederheirat erhalten. Es ist offensichtlich, dass kein legitimer Scheidungsgrund wie πορνεία vorliegt, womit der Ehebund als nicht gebrochen gilt und Mann und Frau trotz Scheidung vor Gott noch aneinander gebunden sind solange sie leben (1Kor 7,39). Paulus erwähnt in solchen Fällen die Möglichkeit der Ehelosigkeit oder die Versöhnung derselben.

Anders zu beurteilen ist jedoch die Ehebeziehung zwischen einem Christen und einem Ungläubigen: „Wenn aber der Ungläubige sich scheidet, so scheide er sich. Der Bruder oder die Schwester ist in solchen Fällen nicht gebunden/versklavt (δεδούλωται)“ (1Kor 7,15). Mir scheint, dass die δουλόω-Wortgruppe aufgrund des Kontextes Verwendung findet (siehe den ungewöhnlich großen Einschub/Exkurs in 1Kor 7,17-24). Der Christ soll demnach die Scheidung, ebenso wie die Befreiung aus dem Sklavenstand (1Kor 7,21), nicht vorantreiben. Schließlich werde der ungläubige Partner durch die Ehe aufgewertet, weil die Ehe unter dem Einfluss des Evangeliums steht. Paulus wehrt sich gegen eine Vorstellung, dass eine Ehe mit einem Ungläubigen einem Christen die Heiligkeit rauben oder mindern könne. Die Verbundenheit hat vielmehr eine heiligende Wirkung auf den ungläubigen Partner und die Kinder. Dennoch gilt: Ist der ungläubige Partner nicht Willens die Ehe fortzusetzen, hat der Christ die Möglichkeit ohne schlechtes Gewissen in die Scheidung einzuwilligen.

Nun stellt sich die Frage, ob die Nicht-Gebundenheit aus 1Kor 7,15 neben der Freiheit zur Scheidung ebenfalls die Freiheit zur Wiederheirat impliziert. Im siebten Kapitel des ersten Korintherbriefs strukturiert Paulus seine ethischen Ehe-Richtlinien wie folgt:

  • Ab V. 8 = Unterweisung an Unverheiratete/Witwen
  • Ab V. 10 = Unterweisung an Verheiratete (gläubig-gläubig)
  • Ab V. 12 = Unterweisung an Verheiratete (gläubig-ungläubig)
  • Ab V. 25 = Unterweisung an Jungfrauen

Obwohl Paulus bereits ab V. 25 dezidiert „über die Jungfrauen“ schreibt, fügt Paulus in V. 27-28a einen bemerkenswerten Einschub ein:

„(27) Bist du an eine Frau gebunden, so suche nicht los/frei (λύσιν) zu werden; bist du los/frei (λέλυσαι) von einer Frau, so suche keine Frau! (28) Wenn du aber doch heiratest, so sündigst du nicht;

und wenn die Jungfrau heiratet, so sündigt sie nicht.“

Paulus erweckt den Eindruck, dass, ehe er den Jungfrauen spezifische Ratschläge weitergibt, die bereits vorab formulierten Grundsätze seiner Überzeugung wiederholt. Es ist offenkundig, dass diese Worte sich nicht allesamt auf die Jungfrauen beziehen können, da „gebunden-sein an eine Frau“ und „los-sein von einer Frau“ nur Verheiratete betreffen kann. „Suche nicht los/frei (λύσιν) zu werden“ scheint demnach ein logischer Rückgriff auf die Anweisung aus V. 12-16 zu sein, bei dem Paulus den Verheirateten rät, keine Scheidung von ihrem ungläubigen Partner zu forcieren. Paulus bescheinigt jedoch allen, die derart legitim „los/frei (λέλυσαι) von einer Frau“ d.h. aus einer bestehenden Verbindung gelöst sind, das Recht, wieder zu heiraten ohne dabei zu sündigen. Erst im Anschluss wendet sich Paulus detailliert den Jungfrauen zu und gewährt ihnen dieselbe Freiheit.

In der Kirchengeschichte wurden vielfach die bereits erwähnten Scheidungsgründe (siehe Teil 2) ebenfalls als legitime Wiederheiratsgründe geltend gemacht. In Übereinstimmung mit anderen Bekenntnisschriften reformatorischer Tradition (wie bspw. dem Westminster-Bekenntnis von 1647) lehrten darum auch die frühen deutschen Baptisten bzgl. der Wiederheirat:

„In Fällen des Ehebruchs aber und der böswilligen Verlassung glauben wir, dass eine Scheidung und die Wiederverheiratung des unschuldigen Teils, dem Worte Gottes gemäß, stattfinden könne.“ (Glaubensbekenntnis und Verfassung der Gemeinden getaufter Christen, gewöhnlich Baptisten genannt von 1847)

Fazit

Die Ehe ist ein vor Gott gültiges lebenslanges Bündnis zwischen Mann und Frau, dessen Auflösung zu Lebzeiten nicht angestrebt werden soll, weil Gott Scheidung hasst und sein ausdrücklicher Wille die gegenseitige Treue und Liebe beider Ehepartner ist. Eine Scheidung ist biblisch dann gerechtfertigt, wenn (a) aufgrund sexueller Untreue der betrogene Ehepartner die zerbrochene Ehe rechtlich auflöst oder (b) der ungläubige Ehepartner die Ehe aus Glaubensgründen nicht weiterführen will. In diesen Fällen ist (nach reiflicher Überlegung und ernsthaftem Bemühen um Versöhnung und Wiederherstellung) eine Scheidung vor Gott moralisch berechtigt (wenn auch nicht verpflichtend) und der verlassene Partner ist frei wieder zu heiraten. Das Eingehen einer neuen Ehe stellt keinen Ehebruch dar, weil die vorherige Ehe aufgrund des Bundesbruchs vor Gott nicht mehr weiterbesteht. Sollte allerdings kein solcher Scheidungsgrund vorliegen, sind Mann und Frau dazu verpflichtet, unverheiratet zu bleiben oder sich zu versöhnen.

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