Sep 4, 2016 - Impulse    Kommentare deaktiviert für Ehebund, Scheidung und Wiederheirat (2)

Ehebund, Scheidung und Wiederheirat (2)

Aus der vorherigen Abhandlung über den Ehebund wurde ersichtlich, dass nunmehr nicht erörtert werden kann, ob der Bund der Ehe gebrochen werden darf, „sondern wann der Bund gebrochen ist und was dann geschehen darf oder soll“[1]. Konkret gefragt: Gibt es für Menschen christlichen Glaubens biblisch legitimierte Scheidungsgründe?

Scheidung

Mt 19,3-10 berichtet, dass Jesus durch die Pharisäer herausgefordert wurde, Stellung zur damaligen Scheidungspraxis zu beziehen, um ihn dazu zu bringen, Mose bzw. dem mosaischen Gesetz zu widersprechen. Statt direkt zu antworten, bezichtigt Jesus die Pharisäer der Unwissenheit und verweist aufgrund des dramatischen Missbrauchs seiner Zeit auf den Ursprung des alttestamentlichen Gesetzes (vgl. auch Mk 10,11f; Lk 16,17f).

Im weiteren Verlauf der Debatte zwischen den Pharisäern und Jesus gilt als zentrale alttestamentliche Passage Deut 24,1-4. Obwohl Gott gebietet, dass sein Volk sich nicht scheiden lassen soll, gilt laut Mose als Grund für eine legitime Scheidung: „weil er [d.i. der Ehemann] etwas Anstößiges an ihr [d.i. die Ehefrau] gefunden hat“. Dies ermächtigte den Ehemann zur rechtsgültigen Aushändigung eines sogenannten „Scheidebriefs“. Diese alttestamentliche Passage ist im Lichte von Mt 19 als „Billigung der Scheidung mit Scheidebrief“[2] zu verstehen und nicht als eine gottgebotene Einsetzung der Scheidung. „Scheidung und Wiederheirat werden damit nicht generell gestattet, sondern als Übel vorausgesetzt und deren Auswüchse geregelt.“[2] Mose führte demnach nicht die Scheidung ein, sondern legte in einer Notordnung lediglich Rahmenbedingungen fest, bei denen der Scheidebrief die endgültige Trennung und offizielle Aufhebung des Ehebundes besiegelte.

Tatsächlich birgt das sogenannte עֶרְוָה „Anstößige“ (oder auch: Schandbare, schamwürdige Sache) als genannter Scheidungsgrund einige Übersetzungsschwierigkeiten in sich. Bereits zur Zeit Jesu existierten unterschiedliche Deutungs- und Auslegungsvarianten des genannten Scheidungsgrundes. Für die jüdische Schulrichtung Hillel galt „jede Ursache“, die dem Mann missfiel, als עֶרְוָה und damit als Scheidungsgrund. Die Schule Schammais hingegen betrachtete nur gravierende Taten wie Ehebruch als Rechtfertigung für eine Scheidung. Einige Kommentatoren wenden ein, dass bei עֶרְוָה nicht von Ehebruch die Rede sein kann, da laut mosaischem Gesetz auf Ehebruch die Todesstrafe folgte (Lev 20,10; Deut 22,22), wobei ungeklärt bleibt, ob diese Regelung auch wirklich praktiziert wurde. Jürgen Kuberski hält dem überdies entgegen:

„Der hebräische Ausdruck wird verschieden übersetzt und bedeutet wörtlich ‚Blöße einer Angelegenheit‘ oder ‚Nacktheit einer Sache‘, wobei ‚Blöße‘ zumeist die Schamgegend eines Menschen umschreibt, und ‚die Blöße aufdecken‘ oft für Geschlechtsverkehr steht (3. Mose 18,8 ff.). Daraus wird deutlich, dass es sich bei der ‚schamwürdigen Sache‘ […] um eine (sündhafte) Handlung der Frau auf sexuellem Gebiet [handelt].“

Es scheint, dass Kuberskis Auslegung innerbiblisch das stärkste Echo findet und besonders in den alttestamentlichen Prophetentexten konsistent nachhallt. So spricht Jahwe durch den Propheten Jesaja, dass die nicht näher definierten Verbrechen Israels Gott dazu veranlassten, sein Volk mit einem „Scheidebrief“ zu entlassen (Jes 50,1). Der Prophet Jeremia wird hingegen deutlicher: „Und sie sah auch, dass ich Israel, die Abtrünnige, eben deshalb, weil sie die Ehe gebrochen, entließ und ihr den Scheidebrief gab“ (Jer 3,8a). Zuvor vergleicht Jeremia am Anfang des dritten Kapitels die Beziehung Gottes zu seinem Volk mit der Ehebeziehung. Im Bild gesprochen kann Gott seine Frau Israel aufgrund von Ehebruch [sic] entlassen und ihr einen Scheidebrief auszustellen. Auf ähnliche Weise bewertet der Prophet Hosea die Untreue Israels, indem vermutlich eine typische Formulierung des Scheidebriefs zitiert wird: „Rechtet mit eurer Mutter, rechtet! – denn sie ist nicht meine Frau, und ich bin nicht ihr Mann –, damit sie ihre Hurerei von ihrem Gesicht entfernt und ihren Ehebruch zwischen ihren Brüsten“ (Hos 2,4). Auch der Prophet Maleachi beklagt die eheliche Treulosigkeit, die zur Scheidung führen kann: „Und an der Frau deiner Jugend handle nicht treulos! Denn ich hasse Scheidung“ (Mal 2,15f). Die stichhaltige innertestamentliche Auslegungsgeschichte belegt, dass der Scheidebrief als eine „nachträgliche juristische Feststellung der eigentlichen Sünde des Ehebruchs und der Treulosigkeit“[1] zu betrachten ist.

Mose und die Propheten gingen demnach von einem lebenslangen Ehebund aus, welcher sowohl Privilegien als auch Verpflichtungen als integrale Bestandteile aufweist und durch schwerwiegende Verletzungen der Bundesverpflichtungen gebrochen werden kann. (Kuberski und Schirrmacher verweisen richtigerweise darauf, dass die Scheidung illegitimer Ehen laut Esra 10,3 „nach dem Gesetz“ nicht bloß erlaubt, sondern auch angeordnet werden konnte.) Kuberski resümiert deshalb folgerichtig: „Wenn eine Scheidung aufgrund der Verletzung des Ehebundes nicht möglich wäre, hätte der Vergleich der Propheten keinen Sinn gehabt.“[2] Dadurch dass Jahwe selbst seinem Volk allegorisch den Scheidebrief aufgrund von Ehebruch aushändigt, kann einem betrogenen Partner, der die zerbrochene Ehe – aufgrund sexueller Untreue – juristisch aufzulösen sucht, nicht kategorisch eine Scheidung abgesprochen werden. Die nachfolgende Betrachtung wird zeigen, dass Jesu Anweisungen sowohl in Mt 19,3ff als auch in Mt 5,31f nicht als Außerkraftsetzung der mosaischen Notordnung, sondern als autoritativ-richtige Auslegung des Gesetzes zu verstehen ist.

Weil Markus und Lukas lediglich ein absolutes Scheidungsverbot Jesu überliefern, genießt besonders die sog. Ausnahme- bzw. Unzuchtsklausel aus Mt 5,32 und Mt 19,9 viel Aufmerksamkeit in der Debatte. Die Wortwahl unterscheidet sich in den beiden Passagen nur geringfügig:

  • Mt 5,32: „außer aufgrund von Hurerei“ – παρεκτὸς λόγου πορνείας
  • Mt 19,9: „außer wegen Hurerei“ – μὴ ἐπὶ πορνείᾳ

Die Diskussion behandelt zu weiten Teilen die Interpretation und Bedeutung des verwendeten griechischen Begriffes πορνεία (porneia) in Abgrenzung zum verwandten Begriff μοιχεία (moicheia). Da vielfach die beiden Begriffe in vorehelichen (πορνεία) und außerehelichen (μοιχεία) Geschlechtsverkehr kategorisiert werden, lautet eine gängige These: Hätte Matthäus auf die Möglichkeit der Scheidung eines bereits vollzogenen Ehebundes aufgrund von Ehebruch hinweisen wollen, hätte er mühelos μοιχεία anstatt πορνεία verwenden können. Die wiederholte Verwendung des πορνεία-Begriffs lege daher nahe, lediglich von Verlobungsdelikten [sic] auszugehen. Ganz davon abgesehen, dass „für Verlobte und Verheiratete dieselben Gesetze galten“[2] (vgl. Deut 22,23-24) und Jesus in Mt 19 mit (i.d.R. verheirateten) Pharisäern über Scheidungsgründe Verheirateter [sic] debattierte, ist es lohnenswert den Begriff πορνεία näher zu betrachten. Tatsächlich wird πορνεία (besonders unter Berücksichtigung der Septuaginta) für sexuelle Zügellosigkeit jedweder Art verwendet. So wird der Geschlechtsverkehr einer Frau mit einem fremden Mann als πορνεία angesehen (Vgl. Hos 3,3; Jer 3,6.8; Hes 23,19; Ps 106,39). Auch die auf Erwerb ausgerichtete Geschlechtlichkeit einer Prostituierten ist als πορνεία zu bezeichnen (Vgl. Lev 21,7; Jos 2,1; Ri 11,1; 16,1; 1Kön 3,16; 1Kor 6,13-18). πορνεία umfasst darüber hinaus uneheliche Geburten (Joh 8,41) und Inzest (1Kor 5,1). Nichtjüdische Christen werden in Apg 15,20 ermahnt, sich von πορνεία fernzuhalten. Sollte sich tatsächlich ein solch generelles Gebot lediglich an Unverheiratete richten? Israel wird wiederholt der geistlichen Prostitution und des Ehebruchs in Form von Götzendienst beschuldigt (Jer 3,8f; Jer 13,27a; Hos 2,4; 4,12-14). Hierbei werden die Begriffe πορνεία und μοιχεία derart synonym [sic] gebraucht, dass eine unverkennbare inhaltliche Kontinuität besteht. πορνεία beinhaltet mit Sicherheit den Treuebruch von Verlobten, jedoch kann er nicht auf den Verlobungsbruch begrenzt werden, sodass es als legitim erscheint, das Vergehen aus Mt 5.19 „als außereheliche[n] Geschlechtsumgang der Frau zu verstehen“[3]. Es liegt nahe, dass Jesus den Begriff πορνεία anstatt μοιχεία als legitimen Scheidungsgrund verwendete, weil zum einen πορνεία der geläufigere Begriff war, um die sexuelle Untreue einer Frau zu beschreiben, zum anderen πορνεία ähnlich weit zu interpretieren ist wie das „Anstößige“ (עֶרְוָה ) aus Deut 24. Schirrmacher fasst folgerichtig zusammen:

„Jesus sagt also weder, dass jede Ursache ein Scheidungsgrund sei, noch daß es keinen Scheidungsgrund gebe, sondern, daß alle Scheidungsgründe außer Unzucht nicht zulässig sind.“

In solchen Fällen kann demnach nicht davon die Rede sein, dass die Scheidung den Ehebund bricht, sondern stattdessen lediglich offiziell erklärt, dass die Ehe im Voraus bereits geschieden wurde.

„Der Bruch der Ehe wird durch den geschlechtlichen Verkehr mit einem anderen als dem Ehepartner vollzogen. Findet dieser Bruch vor der Scheidung statt („bei Ehebruch“), ist deswegen die Ehe gebrochen und kann als amtliche Feststellung des bereits geschehenen Bundesbruches geschieden werden. Lag aber kein Ehebruch vor und findet der Geschlechtsverkehr erst in einer erneuten Ehe oder sexuellen Beziehung nach der Scheidung statt, ist diese neue Ehe der Moment des Ehebruchs.“[1]

Jesus lehrt in Übereinstimmung mit Mose und den Propheten eindeutig, dass Scheidung und Wiederheirat in Anbetracht der Schöpfungsordnung ausgeschlossen und damit Kennzeichen „harter Herzen“ sind. Dennoch macht Jesus zusammen mit Mose limitierte Zugeständnisse, da „Herzenshärtigkeit“ mit dem Kommen Jesu Christi nicht aufgehört hat zu existieren. Auch heute noch stehen Männer und Frauen vor den gleichen Fragen, was im Falle von Untreue und ehelichem Betrug geschehen kann. Der betrogene Partner ist demnach berechtigt (nicht verpflichtet), den durch Ehebruch zerstörten Ehebund öffentlich-rechtlich aufzulösen.

Auch der Apostel Paulus betrachtet in Röm 7 und 1Kor 7 das Themengebiet der Ehescheidung. Dabei ist bemerkenswert, dass der Römerbrief keinerlei Ausnahmen und Zugeständnisse für eine Scheidung thematisiert. In Röm 7,2f vergleicht Paulus die Ehe mit dem alttestamentlichen Gesetz. An beides ist der Mensch lebenslänglich gebunden, sodass die Bindung sich erst mit dem Tod auflöst. Da kein berechtigter Scheidungsgrund angeführt wird, scheint es, als würde Paulus in Übereinstimmung mit Mk 10 und Lk 16 eine Scheidung kategorisch ablehnen. Dies lässt sich jedoch anhand des Kontextes erläutern. Paulus beantwortet nicht in erster Linie (wie Mt oder 1Kor) ethische Fragestellungen, sondern erläutert die Folgen der Glaubensgerechtigkeit und damit die neue Freiheit eines Christen von der Macht des Todes (Kap. 5), der Sünde (Kap. 6) und schließlich des Gesetzes (Kap. 7). Die Ehe(scheidung) wird von Paulus als bildlicher Vergleich für einen ganz konkreten Sachverhalt verwendet: Die Wirksamkeit und Gültigkeit des Gesetzes. „Die Erwähnung einer Ausnahme [würde] den Gedankengang stören.“[2]

Auch 1Kor 7,10f enthält für gläubige Eheleute keine Möglichkeit sich voneinander zu scheiden. Es handelt sich hierbei um eine ziemlich exakte Wiedergabe der grundlegenden Lehre Jesu zum Thema Ehescheidung und verbietet demnach alle Scheidungen aus illegitimen Gründen. (Hierbei gilt zu beachten: „Wenn Paulus hier im Einklang mit Jesus steht, dann kann sich diese Verpflichtung zur Versöhnung nur auf eine Scheidung beziehen, die nicht aufgrund von Unzucht bzw. Ehebruch zustandekam.“[1]) Paulus lehnt genau wie Jesus die Scheidung grundsätzlich ab, weil sie dem Ideal des vor Gott geschlossenen Ehebundes nicht gerecht wird. Und dennoch nennt Paulus in den Versen 12-16 „zumindest einen Grund, aufgrund dessen eine Scheidung berechtigt ist“[2] und führt dabei sogar eine Ausnahme an, die Mt, Mk, Lk und Röm unbekannt ist. War der Mensch noch laut Röm 7,2 bis zum Tod an seinen Ehepartner „gebunden“ (δέδεται), verdeutlicht 1Kor 7,15 hingegen, dass dieser ewige Bund der Ehe aufgelöst werden kann, wenn „der ungläubige Ehepartner die Ehe nicht weiterführen will“[2], sodass der Bruder/Schwester fortan „nicht gebunden/versklavt“ (δεδούλωται). Paulus bewegt aufgrund der individuellen Situation in Korinth spezifische Fragen. (In Korinth gab es auf dem geschlechtlichen Gebiet sowohl Exzesse (1Kor 5,1) als auch übertriebene eheliche Askese (1Kor 7,1).)

„Jesus erwähnt die Scheidung aufgrund des Heidentums des Ehepartners ebensowenig wie Paulus die Scheidung aufgrund von Unzucht. Beide Scheidungsgründe sind aber alttestamentlich verankert und wurden nur deswegen jeweils nicht angesprochen, weil das entsprechende Problem nicht zur Diskussion stand.“[1]

[1] Thomas Schirrmacher
[2] Jürgen Kuberski
[3] Gerhard Kittel

Zum Teil 3.

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