Okt 30, 2012 - Allgemein    Kommentare deaktiviert für Der Königsweg

Der Königsweg

Königsweg

Stell dir einmal vor, du lebst in einem Land, von dem man sagt:

Klgl 4,12) Die Könige der ganzen Erde hätten es nicht geglaubt, kein Mensch auf dieser Welt, dass je ein Bedränger und Feind in die Tore dieser Stadt käme.

Von den Bewohnern hat man zudem nur in den höchsten Tönen gesprochen. Man sagte beispielsweise:

Klgl 4,7) Reiner als Schnee waren unsere Fürsten und weißer als Milch, rosiger als Korallen war ihr Körper, sie hatten die Erscheinung eines Saphirs.

Es brauchte in der Gegenwart dieser Stadtbewohner gar nicht viel gesagt werden, von Weitem hat man gesehen, dass es besondere Menschen sind. Personen mit dem gewissen Etwas. Eine tolle Stadt, schöne Bewohner und ein regierender König. Alles in Butter.

Doch plötzlich wendet sich das Blatt. Alle Sicherheiten, die bis eben noch bestanden, sind dahin. Die umliegenden feindlichen Nationen dringen in die Stadt ein. Viele Stadtbewohner werden abgeschlachtet. Führungspersönlichkeiten werden verschleppt. Familien werden auseinandergerissen. Armut macht sich breit. Hungersnöte brechen unter allen sozialen Schichten aus. Mütter entschließen sich aus purer Verzweiflung dazu ihre eigenen Kinder zu kochen und zu verspeisen. Es geht ums nackte Überleben. Die Stadt befindet sich im freien Fall. Diejenigen, deren Aussehen soeben noch mit Edelsteinen verglichen wurden, sie sind jetzt …

Klgl 4,8) … schwärzer als Ruß, man erkennt sie nicht auf der Straße; faltig hängt ihre Haut auf den Knochen, trocken wie ein Stück Holz.

Diese ganzen schrecklichen Aufzeichnungen bietet uns das vierte Kapitel der Klagelieder des Propheten Jeremia. Zu guter Letzt wird berichtet, dass auch die Hoffnungsfigur schlechthin versagte. Der König der Stadt Jerusalems: Zedekia.

Klgl 4,20) Unser Lebensodem, der Gesalbte des HERRN, wurde in ihren Gruben gefangen, er, von dem wir sagten: In seinem Schatten werden wir leben unter den Nationen.

Zedekia war als König der Gesalbte des HERRN (hebräisch Messias, griechisch Christus). Ein Ehrentitel für Menschen, die eine herausragende Stellung im Volk hatten. Sie erhielten von Gott eine große Verantwortung und einen besonderen Status. Als die Stadt Jerusalem jedoch belagert und schließlich eingenommen wurde, versuchte Zedekia zu fliehen. Es erübrigt sich an dieser Stelle zu sagen, dass Zedekia seiner Verantwortung zu 100% nicht nachgekommen ist. Seine Kinder wurden getötet, und er selbst wurde in einer Grube gefangen gehalten. Die Bewohner Jerusalems betrachteten den König als ihren Lebensatem  und Schatten. Doch der Beschützer zeigte sich völlig unfähig sein Volk zu beschützen. Er floh stattdessen vor seiner Verantwortung.

Ungeschminkt wird uns berichtet, dass die Ursache dieser Not allein in einer Sache wurzelt. Es ist die Sünde und Schuld der Stadt Gott gegenüber (Klgl 4,6). Und dafür muss die gesamte Stadt nun geradestehen. Ganz am Ende des Kapitels taucht ein kleiner Hoffnungsschimmer auf, der in der Grausamkeit und Enttäuschung der vorherigen Verse fast untergehen kann.

Klgl 4,22a) Zu Ende ist deine Schuld, Tochter Zion! Nie mehr führt er dich gefangen fort.

Die Stadt bekommt auf ihren Leidensweg ein Trostwort zugesagt. Gott verspricht seinem Volk, dass die aktuelle Schuld ein Ende hat und sein Volk in der Zukunft nicht noch einmal verschleppt wird. Das, was geschehen musste, ist nun eingetreten und erfüllt.

Game over?

Doch so möchte ich diesen Beitrag nicht abschließen. Mir geht einfach dieser König mitsamt seinem Versagen nicht aus dem Kopf. Aus dem Neuen Testament ist uns bekannt, dass Jesus von Nazareth der von Gott versprochene und eigentliche Gesalbte des HERRN, der Messias und der Christus ist. Auch Jesus wurde zum Ende seines Lebens wiederholt mit dem Titel König beschrieben (Joh 18,37). Die Geschichte scheint sich irgendwie zu wiederholen, denn auch Jesus wird gefangengenommen, ja sogar getötet und ebenfalls in eine Grube gelegt (Joh 19,41)! Auf seinem Kreuz wurde sogar ein Schild mit der spöttischen Aufschrift „König der Juden“ angebracht (Joh 19,19). Und was nun? Versagt? Verloren? Gescheitert? Hoffnungslos? Game over?

Auch wenn der König Jesus Christus viele Parallelen zu dem damaligen König Zedekia aufweist, gibt es doch einen sehr entscheidenden Unterschied. Jesus ist als König auf diese Erde gekommen, um die fremde Schuld seines Volkes auf sich zu nehmen. Das, was geschehen musste, musste eintreten und sich erfüllen. Und im Gegensatz zu Zedekia ist Jesus nicht feige weggerannt, sondern freiwillig und entschlossen hatte er die Verantwortung übernommen und hat die Strafe, die eigentlich sein Volk treffen sollte, mit in die Grube genommen. Deswegen konnte er am Kreuz auch laut ausrufen:

Joh 19,30) Es ist vollbracht!

Das ist der wahre Königsweg!

Soli Deo Gloria,
wju

Bildquelle: Charl Christiani

Ähnliche Artikel:

Comments are closed.