Dez 12, 2012 - Allgemein    8 Kommentare

Ein Hauptproblem der Urgemeinde: Charismatik oder Gesetzlichkeit?

Gesetzlichkeit

Mt 7,3) Was kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders, bemerkst aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht?

Wir neigen alle dazu, lieber den Fehler bei unserem Gegenüber zu suchen. Wie oft sind wir eigentlich bereit unsere eigenen Ansichten und charakterlichen Einstellungen zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen? Das kenne ich zu gut von mir selbst. Und wenn du diesen Beitrag weiterlesen möchtest, dann bitte ich dich um ein ehrliches Herz.

Bist du bereit für einen Augenblick deine Meinungen, Überzeugungen und deine persönliche Prägung beiseitezulassen? Bei dem Einen oder Anderen können folgende Worte Provokation hervorrufen. Mir geht es lediglich um eine kurze Momentaufnahme. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder pure Ausgeglichenheit.

Was war eigentlich das Hauptproblem der christlichen Urgemeinde. Also in der Gemeinde der Jünger Jesu im 1. Jh. n. Chr.? War es die überschwängliche und charismatische Euphorie oder der Hang zur Gesetzlichkeit einiger Gemeinden? Beide Ausprägungen finden wir bereits in den Kirchengemeinden der Bibel. Zu beiden finden wir konkrete biblische Aussagen. Da mir in den letzten Jahren vor allem diese beiden Ausprägungen begegnen, erschienen mir folgende Hinweise äußerst aufschlussreich.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Im Neuen Testament finden wir eine Reihe von verschiedenen Briefen an unterschiedliche Gemeinde. Es handelt sich bei diesen Briefen nie um lose Spruchsammlungen. Es gibt immer eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss. Thomas Weißenborn beschreibt in wenigen Worten welchen Nutzen und welche Bedeutung Einleitungsworte in antiken Briefen hatten. Denn es handelte sich hierbei nie um belangloses Geschwafel:

Das ansonsten übliche Proömium (ein einführendes Kapitel, ein Vorwort), in dem Paulus zu Beginn eines jeden Schreibens in Form eines Gebetsberichts die Empfänger lobt, fehlt im Galaterbrief. Und hierbei geht es mehr als um ein rhetorisches Stilmittel. In antiken Briefen war es schlichtweg ein Ausdruck der Wertschätzung, die Empfänger zu Beginn mit guten Worten zu bedenken, ähnlich wie man heute geschäftliche Schreiben mit „Sehr geehrte/geehrter“ beginnt und „Mit freundlichen Grüßen“ beendet. Am „galatischen Weg“ gab es für Paulus jedoch nichts zu loben, nicht einmal so viel, wie es die Höflichkeit geboten hätte.

— Thomas Weißenborn
aus „Apostel, Lehrer und Propheten (2)“

Galatien vs. Korinth

Liest man die Briefe von Paulus an die Korinther und an die Gemeinde in Galatien merkt man ziemlich schnell, dass es in diesen Gemeinden einiges auszusetzen gibt. Und das auch zu Recht! In Galatien befindet sich eine Gemeinde, die dazu neigt die Botschaft der Gnade Gottes zu verachten. Das Evangelium haben sie allesamt gehört: Jesus Christus schenkt dir aus Liebe persönliche Errettung von deiner Schuld. Du empfängst ewiges Leben, weil Jesus das tat, was du nicht tun konntest: Ein sündloses Leben führen und somit jede göttliche Forderung an dein Leben (Gottes Gesetz) erfüllen.

Doch einige Leute in dieser Gemeinde verstanden sich wohl als äußerst fromm, dass ihnen diese liebevolle Botschaft der Gnade Gottes nicht ausreichte. Sie waren bestrebt erneut das Gesetz aufzurichten und ein gesetzliches Handeln als Maßstab ihres Lebens zu machen, anstatt sich für ein Leben im Geist (Gal 5) zu entscheiden! Und das Krasse ist: Der Galaterbrief ist der einzige Brief, indem Paulus noch nicht einmal aus Höflichkeit die Gemeinde zu Beginn seines Briefes lobt! Kein Sterbenswörtchen. Als wenn das nicht reichen würde, entschließt sich Paulus dazu seine Enttäuschung über die Galater auch noch einmal im Briefschluss zum Ausdruck zu bringen. Diese Thematik ist in Galatien für Paulus so brisant, dass der Apostel vor lauter Empörung schreibt:

Gal 2,21) Wenn wir durch die Erfüllung des Gesetzes vor Gott bestehen könnten, dann wäre Christus umsonst gestorben!

Interessanterweise werden jedoch in christlichen Kontexten als „fehlerhafte Vorzeige-Gemeinde“ zumeist nicht die Galater erwähnt, sondern typischerweise die Gemeinde in Korinth. Die Korinther hatten nicht ihre großen Probleme im Bereich der übermäßigen Gesetzlichkeit. Die Probleme in Korinth waren hauptsächlich geistlich-spiritueller Natur. Doch oft wird übersehen, was Paulus in seiner Briefeinleitung dieser Gemeinde schreibt:

1Kor 1,4) Immer wieder danke ich Gott für euch und für die Gnade, die Gott euch durch Jesus Christus geschenkt hat. 5) Denn durch ihn seid ihr in jeder Beziehung und jeder Art von geistgewirktem Wort und geistlicher Erkenntnis reich gemacht worden. 6) Die Botschaft von Christus hat festen Boden unter euch gewonnen. 7) Deshalb fehlt euch keine der Gaben, die Gottes Geist schenkt. Und so wartet ihr zuversichtlich auf das Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus.

Nur weil Paulus aus der Perspektive Gottes diese Gemeinde betrachtet, kann er für die Dinge dankbar sein, über die er gleichzeitig auch zutiefst traurig ist! Es gibt Nachholbedarf, weswegen Paulus stark nachjustieren muss.

Das Hauptproblem

Wir können festhalten, dass es sowohl unter den Galatern, als auch unter den Korinthern einiges auszusetzen gab. Wenn wir zurück zur Ausgangsfrage gehen, dann kann man jetzt mal darüber nachdenken, was das größere Problem in den ersten Gemeinden war. Meiner Meinung nach spricht (nicht nur!) die fehlende freundliche Einleitung im Galaterbrief Bände! Ich denke, dass hiermit einmal eine etwas andere Tendenz aufgezeigt wird, die wir sehr gerne in vielen gemeindlichen und theologischen Debatten und Diskussionen übersehen. An welcher Stelle hapert es bei uns am meisten? Was sollte schärfer verurteilt werden: schwärmerische Geisteserfahrung oder gesetzlicher Gehorsam? Versteh mich nicht falsch, Paulus musste sehr hart in Korinth durchgreifen. Schließlich beendet er — bevor er weitere Themen entfaltet — seine Kritik folgendermaßen:

1Kor 14,38) Wenn aber jemand meine Anordnungen und Gebote nicht erkennt, so wird er auch von Gott nicht erkannt.

Wie man dramatisch lesen kann, war das korinthische Verhalten ganz gewiss nicht angebracht, denn es gefährdete die Einheit der Gemeinde, sorgte für Egozentrik und Oberflächlichkeit. Doch Paulus sieht in der galatischen Gesetzlichkeit die größere Gefahr für die Christen.

Die Galater standen kurz davor, die Grenze zu überschreiten, die Glaube und Unglaube trennt, indem sie ihr Heil auf eigene Leistungen statt auf das Kreuz Christi aufbauen wollten. … Wo Menschen anfangen, vor allem auf sich selbst und ihre scheinbare Gottgefälligkeit zu schauen, verlieren sie die erlösende Kraft des Kreuzes Jesu. Wer nur auf sich selbst vertraut, muss auch allein für sich vor Gott geradestehen.

— Thomas Weißenborn
aus „Apostel, Lehrer und Propheten (2)“

Paulus hat es für angebracht gehalten seinen lieben Geschwistern in Korinth einen Brief zu schreiben. Er hat seine Dankbarkeit ihnen gegenüber Ausdruck verliehen, aber ihnen auch schmerzende und ehrliche Worte der Wahrheit mitgeteilt. Doch es scheint mir, dass heutzutage galatische Gemeinden lieber über oder gar gegen korinthische Gemeinden schreiben, anstatt sie liebevoll ermutigen, ermahnen und trösten. Auch dann, wenn man nicht jede Ansicht teilen kann.

Wie oft vergessen wir, Brüder in Christus wie Brüder in Christus zu behandeln — jene, die der Vater liebt und jene mit denen wir die Ewigkeit im neuen Himmel und der neuen Erde teilen werden.

— Dr. Keith A. Mathison
aus „Gedenke deines Gegners“

Soli Deo Gloria,
wju

Bildquelle: Christine DiSebastian

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8 Kommentare

  • Sollen wir als Christen möglichst so leben, wie Jesus uns das vorgelebt hat?
    Christus hat das ganze ‚Gesetz‘ gehalten. Sollten wir als Christen nicht auch versuchen das Gesetz zu halten? Natürlich im Wissen darum, dass wir aus unseren Werken alleine nicht unsere wunderbare Bestimmung erlangen können. Welche Gesetze gelten denn (noch)?

    • Jesus war Jude und als solcher hat er das jüdische Gesetzt gehalten… Beim Apostelkonzil in Jerusalem (Apg. 15) haben die Apostel festgelegt, dass das jüdische Gesetz nicht für die Heidenchristen, also die nicht Juden, gilt…

      Das heißt aber nicht, dass wir als Jünger Jesu gesetzlos sind… Gott hat seinen Jüngern das Gesetz ins Herz geschrieben, durch seinen Geist. Und wenn wir uns durch Gottes Geist leiten lassen, werden wir seine Gebote halten. Außerdem können wir in Gottes Wort, speziell im neuem Testament erfahren, was Gott von seinen Kindern möchte.

      Und das oberste Gebot ist: du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, mit deinem ganzen Herzen deiner ganzen Seele, deinem ganzen Denken und all deiner Kraft. (Lk 12,30) Wenn du das hältst, erfüllst du alle Anforderungen Gottes.

      Aber dass alles kann dich nicht retten, denn Werke ohne Glauben sind genauso tot, wie glaube ohne Werke. Und die Erlösung besteht aus reiner Gnade, die Werke können nur die Folge der Rettung sein, niemals die Ursache. ‚Sola Gracia‘
      Und ich hab ja schon erwähnt, dass es der Geist ist, der uns Gottes Willen lehrt und uns hilft ihn auszuführen.

      • Es ist ein verständlicher Irrtum, der Wandel im Geist führe zum Halten des Gesetzes. Der Geist ins uns kümmert sich aber nicht um das Einhalten des Gesetzes – er verändert uns viel mehr und bringt Frucht hervor.

        Die Befreiung vom Gesetz lehrt das Neue Testament ganz klar. Es ist nicht ok, es über den Wandel im Geist klammheimlich wieder einzuschmuggeln.

        Man kann das dann noch so schön benennen, aber es bleibt „Halten des Gesetzes“.

        Damit sind dem Sündigen nicht Tür und Tor geöffnet – jedenfalls nicht mehr als beim Halten des Gesetzes im Namen der Gnade. Und das Gesetz ist nun mal die „Kraft der Sünde“.

    • Ich danke dir für deine Frage „stckwrk“. Deine Frage ist sehr herausfordernd und spannend zugleich. „MissBatyah“ hat m.E. schon ziemlich wichtige Aspekte erwähnt und erläutert. Ich würde euch bzgl. dieser Frage sehr gerne auf das kommende Timotheus Magazin (Januar ’13) verweisen. Das Thema der Jubiläumsausgabe #10 ist nämliche: „DAS GESETZ“ (http://bit.ly/Uc1hiF).
      Hier wird es u.a. von mir einen Artikel geben, wo ich deine angesprochene Frage ein wenig ausführlicher betrachte. Deswegen möchte ich jetzt noch nichts vorwegnehmen.

      Als Überbrückung sozusagen, möchte ich dir dennoch ein kurzes (englisches) Video von John Piper empfehlen: http://bit.ly/Uc1S3S

      Ich hoffe, dass es dir hilft.
      Gott mit dir!

  • […] Ein Hauptproblem der Urgemeinde: Charismatik oder Gesetzlichkeit? – zwei Extreme zwischen denen auch heute viele Gemeinden […]

  • @Waldemar, danke für den interessanten Artikel. Ich finde es gut, dass Du die nicht-charismatischen (heutigen „Galater“)-Gemeinden zu mehr Liebe in der Ermahnung ermutigst.
    Auch stimme ich überein: der Heilige Geist hält die Gebote in uns, bzw. gibt uns Kraft, die Gebote Gottes zu halten. Daher brauchen wir beides: Viel vom Heiligen Geist (der aus dem Glauben, nicht aus dem Halten der Gesetze kommt) sowie den Gehorsam gegenüber den Geboten.

    Ist aber diese Typologie „zu gesetzlich“ versus „zu charismatisch“ nicht ein wenig ein „Hineinlesen“ unserer heutigen Gemeindestreitigkeiten in das NT?
    Zunächst: Ich glaube nicht, dass es ein „zu charismatisch“ gab. Paulus ermahnt ja, den Geist nicht zu dämpfen. Es gab also eher ein „zu wenig charismatisch“. Wir sollen immer nach der Erfüllung mit dem Heiligen Geist und nach den Geistesgaben streben.
    Gleichzeitig hat er die Korinther zur „Ordnung“ und zur „Liebe“ ermahnt. Das war also das Problem, nicht die „Charismatik“. (Die Geister sind den Propheten untertan, es soll nicht wirr durcheinandergehen etc.) Damit ist aber noch nichts gegen die Geistesgaben gesagt. Das Problem ist, wenn Menschen die Geistesgaben über die Nächstenliebe stellen. (Und Nächstenliebe hat natürlich mit dem Halten der Gebote zu tun.)

    Dazu gibt es noch viele andere Kategorien von Problemen in den Neutestamentlichen Gemeinden. Es gab also viel mehr Probleme als „zu gesetzlich“:
    – Spaltungen (1. Kor 1,10ff)
    – Fleischlichkeit (1. Kor. 3) und auf Menschen sehen statt auf Gott
    – Überheblichkeit (1. Kor. 4)
    – Unzucht (1. Kor. 5)
    – Rechtsstreitigkeiten / Rechthaberei / Mangelnde Vergebg (1. Kor. 6)
    – Die Liebe erkaltete (Offenbarung 2,4)
    – Irrlehre Bileams (Off. 2,14)
    – Irrlehre der Isebel / Unzucht (Offb. 2,20)
    – Schlafen im Glauben (Offb. 3,1-3)
    – Lauheit im Glauben (Offb. 3,16)

    Daher würde ich diesen „Gegensatz“ zwischen „zu gesetzlich“ und „zu charismatisch“ nicht als eine Zusammenfassung der Situation der Gemeinden im NT ansehen.

    Für heute würde ich das Hauptproblem auch eher so formulieren:
    – Zu wenig Eifer für Gott
    – Zu wenig Liebe zu Gott und zum Nächsten
    – Zu wenig erneuertes Denken
    – Zu wenig Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes
    – Zu wenig Liebe zum Wort Gottes

    Wirkliche „Gesetzlichkeit“ gibt es heute eigentlich kaum noch. Wer will in BRD denn schon heute durch das Halten der Gesetze im 3. Buch Mose gerecht werden?

    • @Roderich: Dein Hauptsatz war wohl „der Heilige Geist hält die Gebote in uns, bzw. gibt uns Kraft, die Gebote Gottes zu halten“.

      Viele Gemeindeprobleme damals und heute sind auf Gesetzlichkeit (bzw. den Versuch, die Gebote zu halten) zurück zu führen:

      http://konsequentegnade.wordpress.com/freiheit-vom-gesetz/gesetzespredigt-sorgt-fur-laschheit/

      Wo immer das (religiöse) Fleisch in der Gemeinde sichtbar wird, ist es vom Gesetz „erweckt“ worden.

      Nebenbei: Gesetzlichkeit und Charismatik sind häufig in ein und der selben Gemeinde anzutreffen, sogar in ein und den selben Christen.

  • Folgende Ergänzungen dazu aus meinser Sicht als jemand aus dem „pfingstlichen Lager“:
    – Jesus hat das Gesetz erfüllt, nicht aufgelöst. Durch die Gnade werden wir immer mehr befähigt nach Gottes Maßstäben zu leben. Deshalb ist Gnade und Gesetz richtig verstanden kein Gegensatz
    – In charismatischen Kreisen gibt es mittlerweile sehr viel Gesetzlichkieit:
    Du mußt so und so gebieten, Du mußt umfallen, Du mußt gesund werden etc, dass der Ansatz eine schwärmerische Gemeinde ist etwas besser wie eine gesetzliche so nicht stimmt, da durch eine sehr an Erfahrungen orientierte Theologie gerade erst wieder Gesetzlichkeit entstehen kann.
    – Auch muß man antürlich immer mit Pauschalurteilen vorsichtig sein, denn vieles was heute in der Charismatik abgeht scheint mir schlimmer zu sein als in Korinth. Ob dann in einem Brief von Paulus nicht auch eine Begrüßung weggeblieben wäre sei dahingestellt.