Sep 18, 2012 - Allgemein    3 Kommentare

Bloßgestellt und doch nicht blamiert

Adrian Wild

Bei diesem Blogpost handelt es sich um einen Gastartikel. Adrian Wild ist Theologiestudent und Gemeindemitglied der baptistischen Kirchengemeinde Berlin-Spandau-Wilhelmstadt. Er gibt uns heute auf Jesus24 interessante Gedanken zu Joh 4,3ff. weiter.

Jesus geht mit seinen Jüngern in den Norden Israels, nach Samarien. Unterwegs macht er Rast an einem Brunnen, während seine Jünger ins Dorf gehen, um Proviant zu besorgen. Da kommt in der Mittagshitze eine Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus bittet sie ihm etwas zu trinken zu geben. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden, in dem Jesus plötzlich anfängt, von einem „lebendigen“ Wasser zu sprechen, das den Durst für immer stillt. So ein Wasser bietet er der Frau an:

Joh 4,14) Wer aber von dem Wasser trinkt, dass ich ihm gebe, wird niemals mehr Durst bekommen. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm eine Quelle werden, das für das ewige Leben heraussprudelt.

Die Frau versteht jedoch nicht ganz richtig. Wenn das so ist, dann will sie natürlich dieses Wasser haben, denn dann braucht sie ja nicht mehr zum Wasser Schöpfen an den Brunnen kommen. Also bittet sie Jesus ihr dieses Wasser zu geben.

Doch Jesus meint hier mit Sicherheit im übertragenen Sinn menschliche Bedürfnisse. Das sehe ich ein. Bedürftig ist ja jeder. Das macht den Menschen auch in seinem Wesen als Geschöpf aus. Aber dass Jesus von seinem lebendigen Wasser persönliche, emotionale, existenzielle Bedürfnisse dauerhaft stillt, verspricht er da nicht zu viel? Wie soll das denn gehen? Diese Frage beschäftigt mich schon seit einem längeren Zeitraum. Die Antwort erwarte ich auch in dem Text. Wie geht’s also weiter?

Frau mit Hand vor dem GesichtJesus rückt nicht gleich mit seinem Wasser raus. Zumindest gibt er der Frau keine Flasche mit einer sprudelnden, leuchtenden Flüssigkeit. Er fordert sie einfach auf ihren Mann zu holen. Dabei stellt sich heraus, dass sie keinen festen Mann hat (Fettnapf) und ihr jetziger der Fünfte in der Reihe ist. Ist also bisher nicht so gut gelaufen bei ihr. Jesus konfrontiert die Frau mit ihrer Vergangenheit, mit ihren Schattenseiten, mit dem, wofür sie in ihrer Gesellschaft verachtet wird. Und sich auch selbst verachtet? Hat das was mit dem lebendigen Wasser zu tun? Oder weicht Jesus aus? Anscheinend hat das was damit zu tun, denn die Frau ist hin und weg von dem Gespräch. Was ist da passiert? Eigentlich hat er sie doch total bloßgestellt. Na gut, es war keiner weiter dabei. Aber die beiden kannten sich ja auch nicht und die Frau kam nicht zu Jesus für ein Beratungsgespräch. Genaugenommen wollte sie ja zuerst gar nichts von ihm, sondern er etwas von ihr.

Auf jeden Fall muss diese Bloßstellung irgendwie gut, ja wohltuend und faszinierend für sie gewesen sein. Jesus hat ihre Geschichte beim Namen genannt. Das wird nicht das erste Mal für sie gewesen sein, dass ihr jemand anders erzählt, worin sie gescheitert ist. Aber es muss das erste Mal gewesen sein, dass sie niemand dafür verurteilt hat. Und derjenige war auch noch göttlich inspiriert, denn woher sonst konnte er das wissen. Durch Jesus hat sie also erlebt, dass Gott sie nicht blamiert und verdammt, sie also nicht abweist.

Die Frau war von dem Gespräch mit Jesus so aufgewühlt und erfüllt, dass sie in ihr Dorf lief und von der Begegnung mit Jesus schwärmte:

Joh 4,30) Da ist einer, der mir alles auf den Kopf zugesagt hat, was ich getan habe. Kommt und seht ihn euch an!

Und die Leute wussten, was er ihr gesagt haben muss. Und das posaunte sie also raus. Sie hätte auch sagen können: „Der hat mich voll durchschaut.“ Oder: „Dem kann ich nichts vormachen.“ Oder: „Der kennt mich voll und ganz.“ „Und er hat‘s von keinem wissen können.“ Dass Jesus dieses „Geheimwissen“ hatte, hat die Leute so beeindruckt, dass sie an ihn geglaubt haben. Erstaunlich. Was mich aber noch mehr erstaunt ist, dass sie nun mit der Frau zu Jesus gehen. Da frag ich mich, was sie erwartet haben. Wollten sie eine Sensation? Wollten sie sehen, wie Jesus noch mehr aus dem Leben der Frau ans Licht bringt? Wollten sie unterhalten werden? Wollten sie sehen, wie Jesus ihren Nachbarn bloßstellt? Haben sie damit gerechnet, dass Jesus auch ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagen würde? Das ist doch total riskant, vor dem ganzen Dorf bloßgestellt zu werden! Zuerst dachte ich die wussten nicht, worauf sie sich einlassen. So eine Sensationslust konnte doch ganz schnell nach hinten losgehen.

Aber dann kam mir ein zweiter Gedanke. Was die Frau erlebt hat, dieses nicht blamierende Erkanntwerden, hat sie sich das nicht vielleicht schon immer gewünscht? So richtig erkannt zu werden? Wer sie ist. Dass ihr das mal jemand sagt, ohne sie zu verurteilen. Ich denke das war ihr Lebensdurst. Und ihre Dorfnachbarn? Denen ging’s wohl ähnlich. So gründlich erkannt und angenommen zu werden, danach sehnten sich nicht nur damals die Menschen in Sychar.

WasserflascheDas ist ein Durst, den ich auch heute kenne. Wie stillt Jesus also den Durst? Heutzutage ist die Rede davon mit sich im Reinen zu sein, in sich zu ruhen. Ich denke das ist es – fast. Denn es ist falsch bezeichnet. Geht es nicht vielmehr darum, mit Gott im Reinen zu sein und in Ihm zu ruhen, in voller Aufrichtigkeit Ihm und sich selbst gegenüber? Das ist eine lebendige Quelle, aus der Wasser für das ewige Leben sprudelt. Vom Vater im Himmel angenommen zu sein, stillt wahrhaft den Durst, bringt dauerhaft Frieden. Damals ist Jesus auf die Frau leibhaftig zugegangen und hat sie angesprochen. Heute erleben wir so was seltener. Doch hat Jesus der Frau ja keine Neuigkeit über sie verkündet, sondern sie hat einfach erlebt, dass er sie annimmt, wenn sie sich ihm anvertraut. Und das kann ich, kannst du auch heute noch erleben, wenn du ehrlich vor Jesus bist, so wie die Frau, die einfach von sich aus erzählt hat und sich Jesus anvertraut hat.

Bildqeuelle: Still Searc, Daniel R

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3 Kommentare

  • Genau das ist es,wonach jeder Mensch sich sehnt und was er außer bei Jesus nirgends wirklich findet : beides, erkannt und angenommen zu sein. Meist ist es entweder-oder.

  • Hallo Adrian, vielen Danke für diesen Artikel. Hat mich sehr bewegt und ich finde deine Gedanken sehr interessant! Freu mich auf weitere von dir…;)

    LG Jürgen

  • Sehr interessant ausgelegt…
    Wie schnell verurteilen wir Menschen und „beleuchten“ die Dinge nicht ausführlicher?!?

    Ja, so sind wir bis an unser Lebensende immer Lernende und 100% abhängig von SEINER Gnade !!!

    Auf das uns dies immer bewußt sein möge.