Jan 28, 2015 - Impulse    13 Kommentare

Bedingungslos vergeben?

GlühbirneAn dieser Stelle möchte ich anstatt eines Impulses meinerseits eine Frage stellen und zur Diskussion anregen.

Wie versteht ihr folgende Aussage Jesu:

Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht, und wenn er es bereut, so vergib ihm!
(Lukas 17,3)

Glaubt ihr, dass wir unseren Schuldigern bedingungslos und auch vorauseilend vergeben sollten – so wie auch Christus uns geliebt hat, als wir noch seine Feinde waren (Römer 5,10)? Oder gilt es erst dann die Vergebung auszusprechen, wenn mein Gegenüber sein falsches Verhalten bereut?

Ich bin sehr auf eure Gedanken gespannt.

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13 Kommentare

  • Hi Waldemar,

    im Moment würde ich sagen, dass echte Vergebung erst dann geschehen kann, wenn der andere bereut und um Vergebung bittet. Denn wenn wir den Vergleich mit der Vergebung Gottes ziehen, stellt sich für mich die Frage, ob Gott uns auch dann unsere Schuld vergibt, wenn wir Ihn nicht darum bitten? Ich denke nicht. Vergebung finden wir bei Gott erst dann, wenn wir Buße tun und Ihn um Vergebung bitten. Aber meine Gedanken dazu sind noch nicht ganz ausgereift.

    LG, Andreas

  • Hi,

    ich finde deine Frage toll.
    Kann ich aber den Umkehrschluß ziehen: …und wenn er es nicht bereut, so vergib ihm auch nicht!…???
    Ich finde wenn ich einem anderen vergebe, dann bringt es mir doch selbst etwas…nämlich Freiheit- in Beziehungen, in Gedanken und irgendwann auch in meinen Gefühlen, oder?
    Spannend ist das trotzdem.

    Aber auch meine Gedanken sind nicht ganz ausgereift….

    Lieben Gruß, Matthias

  • Vergeben, damit es mir was bringt? Das Motiv ist nachvollziehbar. Es würde mich allerdings interessieren, ob das auch der Effekt ist, den Gott bei uns mit Vergebung erzielen will. Gibt es dazu Aussagen in der Bibel?

    Ich habe nach einiger Beschäftigung mit dem Thema eher den Eindruck, dass es bei der Vergebung um Gerechtigkeit geht. Die Versöhnung in Römer 5,10 scheint mir eher im Sinne der Erwählung Gottes zum Leben zu sein, die Verwirklichung der Versöhnung tritt dann aber erst bei der Bekehrung ein.

    Spannendes Thema.

  • Moin!
    Ich würde sagen, dass Vergebung auch ohne die Reue meines Gegenübers angebracht ist. Jedenfalls was meine persönlichen Beziehungen angeht. Wenn ich demjenigen, der AN MIR sündigt nicht vergebe, belaste ich mich damit dauerhaft und gebe diesem Menschen große Macht über mich. Ich trage ihm nämlich seine Schuld nach, d.h. ich habe daran zu schleppen. Auch ist Vergebung möglich, wenn derjenige, der an mir schuldig geworden ist, bereits verstorben oder unerreichbar ist. Wer vergangenes Unrecht nicht vergibt, verbittert über kurz oder lang und macht sich selbst zum Richter.
    Im oben genannten Vers sehe ich eine Einschränkung. Dort geht es allgemein um das Sündigen, m.E. also nicht um Sünde an meiner Person (im Folgevers 17,4 aber schon…). In diesem Fall würde ich sagen, dass die Umkehr Voraussetzung der Vergebung ist, da ich jemandem stellvertretend seine Sünde vergebe, nachdem ich ihn zurechtgewiesen habe und er sich hat etwas sagen lassen. Mk 2,5 stellt das aber etwas in Frage…
    Im Zweifel würde ich immer zur Vergebung tendieren, was mich persönlich angeht. Vergebungsbereitschaft also als Grundhaltung annehmen. Nur so werde ich Sünde und Schuld los, die mich persönlich verletzt hat. Möglicherweise ruft Vergebung auch erst die Bereitschaft zur Umkehr hervor, wie es in Röm 5,10 anklingt.
    Liebe Grüße, Tobi

  • Ja, tolle Frage! Mein Verständnis: Liebe deinen Nächsten bedeutet in diesem Falle natürlich dem Glaubensbruder sofort zu vergeben (innere Vergebungshaltung), jedoch ihm, der ja gegen dich gesündigt hat, nicht die Möglichkeit zu nehmen, zu bereuen und dich um Verzeihung zu bitten! Dazu gehört eben auch, ihn auf sein Fehlverhalten aufmerksam zu machen! Nach der Bitte um Vergebung, können wir dann unsere innere vergebende Haltung ihm gegenüber zum Ausdruck bringen.

    Wären wir erst bereit zu vergeben, wenn der andere sich entschuldigt hat, würden wir ja bis dahin grollen und würden somit ebenfalls sündigen.

  • Was ist mit „vergebt einander, gleichwie auch Gott euch vergeben hat in Christus“ (Eph 4,32)? Wie hat Gott und in Christus vergeben?
    In der Frage bin ich noch nicht über die Diskussion zwischen John Owen und Richard Baxter hinaus gekommen.
    Owen: Gott hat uns bereits vor Grundlegung der Welt erwählt, und durch Christus mit sich selbst versöhnt und uns bedingungslos vergeben, selbst bevor wir zu Gott umkehrten, da Gott alles in allem wirkt (mit eigenen Worten zusammengefasst).
    „If Christ on the cross suffers the very punishment due to our sins, and if that punishment provides a full and efficacious satisfaction precisely for the sins of the elect, then why are the elect not justified at that moment, or even in eternity? Further, does the moment that the individual comes to faith in Christ have any reals significance, or is it simply a moment of spiritual enlightenment, whereby the person comes to realize that he has always been justified?” (“From Heaven He came and sought Her”, Kap. 8. S. 203).
    Baxter hält dagegen: „Gott erwählt aber Versöhnung und Vergebung werden erst durch Glaube und Umkehr wirksam.
    Generell stehe ich mehr auf Owens Seite. Hier bin ich zwar nicht ganz sicher, finde aber Baxters Kritik an Owen weniger überzeugend. Die Diskussion geht selbstverständlich viel tiefer als ich hier wiedergegeben habe und kann in „From Heaven He came and sought Her“ nachgelesen werden (Kap 8, S.201-223).

  • … und muss man in der Frage, ob Gott uns nur vergibt, wenn wir Ihn darum bitten (vielleicht) unterscheiden zwischen (a) Gott, dem Richter, der bedingungslos und ein für alle Mal vergibt und (b) Gott, dem Vater, bei dem die Bitte um Vergebung für eine ungetrübte Gemeinschaft nötig ist?!

  • Wir dürfen die Stelle aus Römer nicht mit der aus Lukas vergleichen.
    In Römer geht es um Gott und um nicht wiedergeborenen Verlorenen.
    In Lukas hingegen geht es um das Verhältnis zwischen Wiedergeborenen.

    Wenn du in Lukas weiter liest wirst du sehen, dass es gar nicht zu Debatte steht, ob dein Bruder um Vergebung bittet, denn dies wird er tun, da er wiedergeboren ist. Und so oft er dies tut, sollst du immer wieder vergeben, denn er ist dein Bruder.

  • “vergebt einander, gleichwie auch Gott euch vergeben hat in Christus” (Eph 4,32)

    Kann es nicht sein, dass sich das „gleichwie“ weniger auf dir Art und Weise der Vergebung Gottes bezieht, sondern vielmehr auf die Tatsache, dass er vergeben hat? (Vielleicht lässt sich das auch gar nicht richtig trennen – wobei es für mich doch einen Unterschied gibt).
    Dass wenn er uns solch eine große Schuld erlassen und solch ein großes Erbarmen erwiesen hat, auch wir Erbarmen haben sollten mit unseren Mitknechten (vgl. Mt.18,25-35)?
    Ich denke ein Schlüssel zu wahrer Vergebung liegt in genau dieser Tatsache, dass ich immer wieder erkenne, welch große Schuld mir erlassen wurde. Und wenn ich begreife, dass ich „der größte Sünder“ bin und Gnade bedarf, werde ich auch erst fähig sein, dem anderen Gnade zu erweisen. Wenn ich mich nicht täusche, kann das „vergeben“ in Epheser 4 auch mit „Gnade schenken“ übersetzt werden.
    Die „Art und Weise“ der Vergebung wird dann dieser inneren Einstellung folgen.

    Bzgl. Lk.17,3 würde ich mit dem Kommentar von Lars einhergehen, wobei das „sofort vergeben“ wohl leichter gesagt, als getan ist.

    • 🙂 allerdings!!! …wie das richtige Beten, geht Vergebung wohl auch nur mit Hilfe des Heiligen Geistes. Ich es hatte letztes Jahr unheimlich schwer damit, und obwohl ich glaubte zu vergeben, kamen Grollgefühle immer wieder hoch. Dann habe ich denjenigen jedesmal gesegnet, wenn ich an ihn gedacht habe… das war für mich der Schlüssel!

      • Lieber Lars, da kann ich dir absolut zustimmen, die Feinde segnen, immer wieder, hilft ungemein.

  • Vergebung ohne Vorbedingung ein klares JA
    Die Schwierigkeit liegt in den beiden Worten wissen und können.
    Wissen, ja. Können, erst dann, wenn mir auch vergeben wurde und meine Erkenntnis und der Glaube soweit gewachsen sind, dass ich weiss: Jesus
    hat mir bedingungslos vergeben.

  • Meiner Meinung nach können wir nicht das persönliche Empfinden mit dem „rrechtlichen“ Akt der Vergebung mischen.
    Wir sollen ja nicht vergeben, damit es uns besser geht. Ich bin auch davon überzeugt, dass der Vergebung eine Reue des Gegenübers vorausgehen kann.

    Richtige Vergebung, da gebe ich den Kommentatoren vor mir Recht, muss mit Gottes Hilfe gelernt werden.

    Ich muss doch nicht verbittern, wenn ich jemandem nicht vergebe. Wenn ich nicht vergebe, bleibt derjenige unter Gottes Gericht. Manch anderer verbittert selbst wenn er die Vergebung zugesprochen hat.

    In der Schrift finde ich jedenfalls keinen Hinweis auf bedingungslose (pauschale) Vergebung. Allein die Stelle aus dem „Vater-Unser“ könnte so gedeutet werden „vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.